Die diplomatische Konstellation des europäischen Kontinents hat eine bemerkenswerte Akzentverschiebung erfahren. Zwischen dem Königreich Italien und Spanien ist völlig überraschend ein weitreichender Freundschafts- und Schiedsvertrag geschlossen worden.[1][2] Obwohl bereits seit dem offiziellen Besuch des spanischen Monarchen in der Ewigen Stadt eine kontinuierliche Annäherung zwischen den Kabinetten in Rom und Madrid festzustellen war, kam die nun erfolgte formelle Verlautbarung für die internationale Öffentlichkeit unerwartet.[1] Die italienische Nachrichtenagentur Stefani gab die Unterzeichnung am gestrigen Tage bekannt; dies erregte in den diplomatischen Kanzleien Europas umgehend größte Aufmerksamkeit.[1]
Laut der Neuen Freien Presse widmet die faschistische Regierungspresse dem Ereignis breiten Raum und verhehlt nicht ihren Stolz darüber, dass die unumgängliche Geheimhaltung der monatelangen Vorbesprechungen derart makellos gelungen sei.[1] Man feiert diese vollständige Diskretion in den politischen Zirkeln Roms als einen besonderen Triumph der eigenen Staatskunst. Die italienischen Leitartikel betonen dabei, dass sie — „trotz des Zeitalters der geschwätzigen Demokratie“ — strengstens gewahrt werden konnte.[1] Das Vertragswerk selbst ist überaus umfassend konzipiert. Aus den ersten amtlichen Mitteilungen geht hervor, dass das Abkommen sehr umfangreich ist und in seiner politischen Tragweite erheblich über jene vorangegangenen Verträge hinausgeht, welche die Regierung Benito Mussolinis in jüngerer Vergangenheit mit der Schweiz, Jugoslawien sowie der Tschechoslowakei geschlossen hatte.[1]
Den Kern der Vereinbarung bildet eine bündnispolitische Garantie. Der wichtigste Punkt des Vertrages ist dem Vernehmen nach die gegenseitige Zusicherung der strikten Neutralität für den Fall eines unprovozierten Angriffes auf einen der beiden Paktierer.[1] Nach Angaben der Washington Post werten führende römische Blätter dieses Abkommen als den bisher bedeutendsten diplomatischen Sieg des faschistischen Italiens.[2] Dieser Sieg belegt zugleich unwiderlegbar die friedlichen Absichten der römischen Außenpolitik.[2]
Die Vorgeschichte des Paktes — der wegen des Ortes seiner finalen Ausgestaltung voraussichtlich den Titel „Madrider Vertrag“ tragen soll — reicht bis zu den eingangs erwähnten Visiten der Monarchen zurück.[1] Wie die Neue Freie Presse weiter berichtet, wurden die delikaten Verhandlungen anschließend vom italienischen Unterstaatssekretär Dino Grandi in Genf mit Nachdruck fortgeführt.[1] Den formellen Abschluss der bilateralen Gespräche besorgte schließlich Mussolinis eigener Kabinettschef, Marchese Paulucci, direkt in der spanischen Metropole.[1]
Die strategische Ausrichtung des neuen Bündnisses wird in den Erläuterungen der italienischen Abendpresse deutlich. Die dortigen Kommentatoren unterstreichen die Tragweite der Übereinkunft durch klare Hinweise auf die gemeinsamen Interessen, die die beiden romanischen Nationen in der großen Politik verfolgen.[1] Im Vordergrund steht dabei die entschlossene Verteidigung der eigenen Machtpositionen im Mittelmeerraum.[1] Sowohl Spanien als auch Italien hatten schon länger das Gefühl, dort von den anderen Großmächten systematisch benachteiligt worden zu sein.[1] Ferner bekundet das Vertragswerk den Willen zu einem gemeinsamen diplomatischen Vorgehen in Nordafrika sowie auf dem südamerikanischen Kontinent.[1]
Aufschlussreich ist zudem das Vorgehen der beiden Staaten hinsichtlich ihrer internationalen Verpflichtungen. Der Vertrag soll dem Völkerbund in Genf zwar ordnungsgemäß notifiziert werden, allerdings — wie die in Rom erscheinende Tribuna andeutet — erst zu einem als günstig betrachteten Zeitpunkt.[1]