Morgen jährt sich zum siebenten Mal jener historische Tag, an dem der erste Präsident der Deutschen Republik, Friedrich Ebert, im thüringischen Schwarzburg das Verfassungswerk von Weimar in Kraft setzte.[1] Am 11. August 1919 wurde dem deutschen Volke jenes neue staatliche Haus übergeben, in dem sich nach dem Willen seiner Schöpfer alle Reichsangehörigen heimisch fühlen sollten.[2] Die Monarchie, die bereits im November 1918 im Zuge der militärischen Niederlage zu Grabe getragen worden war, wurde durch die demokratische Republik abgelöst.[2] Damit nahm das jahrhundertlange Sehnen der besten Deutschen nach einem einigen und freien Vaterland, das sich in den Farben Schwarz-Rot-Gold symbolisiert, reale Gestalt an.[2] Besonders das werktätige Volk und die sozialdemokratische Partei betrachten den morgigen Tag als Hort ihres Zukunftsglaubens, den sie sich nicht mehr rauben lassen wollen.[1]

Was die hervorragendsten Köpfe des deutschen Bürgertums bereits 1848 in der Frankfurter Paulskirche erstrebten und was damals an den politischen Machtfaktoren scheiterte, wurde vor sieben Jahren unter weit schwereren Vorzeichen verwirklicht.[2] Das von Otto von Bismarck geschaffene Kaiserreich hatte zwar durch eine rasche wirtschaftliche Entwicklung und siegreiche Kriege einen ungeahnten Aufschwung erlebt.[2] Es befriedigte weite Schichten des Volkes und verlieh dem Namen Deutschland, der lange für innere Zerrissenheit gestanden hatte, weltweites Ansehen.[2] Doch diesem halbabsolutistischen Gebilde fehlte trotz seines äußeren Glanzes der innere, tragende Halt.[2] Die herrschende Adelsschicht in Heer und Verwaltung wurde vom Volkswillen kaum beeinflusst.[2]

Das alte Obrigkeitssystem erwies sich nicht als tragfähige Grundlage eines Volksstaates.[2] Nach der schweren Niederlage wurden sämtliche deutsche Dynastien mit erstaunlicher Widerstandslosigkeit zum Abdanken gezwungen.[2] Die frühere Verankerung der Reichseinheit, die als dynastische Versicherung auf Gegenseitigkeit im Fürstenbund diente, war vollständig zerstört.[2] Ein Zerfall des Reiches blieb jedoch aus, obwohl ihn innere und äußere Gegner bereits erhofften.[2] Der elementare Gemeinwille der Volksgenossen, sich als einheitliches Staatsvolk zu behaupten, gab den deutschen Ländern die Kraft, sich im Geiste von Weimar zu einem neuen Staat zusammenzufinden.[2]

Der Bau von Weimar hat seither gewaltigen Stürmen getrotzt. Wie die Sächsische Staatszeitung hervorhebt, ist wohl keine Staatsform in ihrer Frühzeit so häufig äußeren und inneren Erschütterungen ausgesetzt gewesen.[2] Der Leidensweg des neuen Staates reichte vom Londoner Diktat über die Ruhrbesetzung bis hin zur schwersten Inflation, die je ein Land erdulden musste.[2] Auch die innenpolitischen Krisen — vom Kapp-Putsch über den Mord an Walther Rathenau bis zu den Münchner Novemberereignissen des Jahres 1923 — bedrohten den Bestand der jungen Demokratie beständig.[2] Hinzu kommen die fortwährenden Hemmnisse, die der Republik bei dem Bestreben, ein gleichberechtigtes Mitglied des Völkerbundes zu werden, entgegenstehen, sowie die drückenden Sorgen um die Umsetzung des Dawes-Abkommens.[2] Das Werk vom 11. August 1919 hat dennoch allen Anstürmen standgehalten, die Einheit bewahrt und im Ausland Ansehen gewonnen.[2]

Trotz dieser Erfolge ist die Frage, ob der 11. August als offizieller Nationalfeiertag allgemein anerkannt werden soll, weiterhin umstritten.[1] Das Volk beginnt jedoch allmählich, seine Regierungen in diese Richtung zu beeinflussen, wie ein Blick nach Süddeutschland zeigt. Ein bemerkenswertes Beispiel hierfür bietet Bayern.[1] Das dortige Ministerium hatte zunächst, wie in den Vorjahren, ausdrücklich abgelehnt, den Tag von Weimar durch einen offiziellen Akt zu begehen.[1] Nachdem jedoch die republikfreundliche Bevölkerung am Sonntag zu einer beachtlichen Vorfeier aufmarschiert war, beugte sich die Regierung dem Druck.[1] Sie ordnete daraufhin an, die staatlichen Gebäude und die Universität am morgigen Mittwoch zu beflaggen — allerdings vorerst nur in den blau-weißen Landesfarben.[1] Dem Hamburger Echo zufolge stellt dieser Schritt bereits einen Fortschritt dar; habe man erst das kaiserliche Schwarz-Weiß-Rot abgelehnt, werde bald auch die Reichsflagge in München zu sehen sein.[1]

Die innere Befriedung bleibt eine große Aufgabe, da die Feinde der Republik keineswegs entwaffnet sind. Ihre gefährliche Macht zeigte sich erst kürzlich in der Entscheidungsschlacht zur Fürstenabfindung.[1] Zwar wurde durch die Abstimmung ein Achtungserfolg erzielt, der den Gegnern der Demokratie die millionenfache Bereitschaft zur Verteidigung vor Augen führte.[1] Dennoch reichte dieser friedliche Akt der Gerechtigkeit nicht aus, um die alten Mächte mit ihren Ansprüchen völlig zu besiegen.[1] Die Republik bleibt somit ein Schauplatz des Kampfes zwischen jenen, die sie bis zum äußersten verteidigen, und jenen, die sie erbittert bekämpfen.[1]

Soll die Demokratie alle Volksgenossen gewinnen, muss sie ihre sozialen Versprechen einlösen. Nach dem Willen der aus dem Feld zurückgekehrten Arbeiterklasse sollte sie eine soziale Republik sein.[2] Doch vier Jahre zerstörter Werte und harte Reparationszahlungen ließen diese Wünsche der Millionen Besitzlosen häufig unerfüllt.[2] Die Folge war eine Abwanderung aus den ärmsten Schichten zu den Gegnern der Republik am rechten und linken Rand.[1] Auch gegenwärtig ziehen die Volksmassen aus der Ernteeinbringung kaum Nutzen, da Kornwucherer das Brot verteuern.[1] Daher fordert die sozialdemokratische Presse den sofortigen inneren Ausbau zum Volksstaat.[1] Arbeitsbeschaffung, Wohnungsbau und soziale Rechtspflege sind die dringendsten Ziele künftiger republikanischer Politik, an denen sich die Parteien messen lassen müssen.[1]