Zwischen der Sowjetunion und China bahnt sich ein schwerer diplomatischer Konflikt an.[1] Wie die Deutsche Allgemeine Zeitung unter Berufung auf japanische Quellen berichtet, hat der russische Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, Tschitscherin (Georgi Tschitscherin), der Pekinger Regierung ein unmissverständliches Ultimatum gestellt.[1] Zuvor hatte das chinesische Außenministerium offiziell in Moskau darum ersucht, einen Nachfolger für den sowjetischen Botschafter Karachan (Lew Karachan) zu benennen. Dieser befindet sich gegenwärtig auf Urlaub in Russland.[2]

Tschitscherins Antwort war von kaum zu überbietender Schärfe.[3] Die Wiener Zeitung meldet dazu, dass die russische Regierung keinen anderen Weg sehe, als die völkerrechtliche Anerkennung Chinas zurückzunehmen, sollte Peking auf dem Botschafterwechsel bestehen.[3] In diesem Fall wolle man schlichtweg die Bildung einer neuen chinesischen Zentralregierung abwarten, die zur Zusammenarbeit mit Karachan bereit sei.[1][3]

Die tieferen Hintergründe dieser Krise beleuchtet der Pariser Temps.[2] Dem Blatt zufolge wirft Peking dem sowjetischen Diplomaten einen „Missbrauch seiner Stellung und die Verletzung internationaler Gepflogenheiten“ vor.[2] Die entschiedene Haltung des Pekinger Kabinetts ergibt sich aus den tatsächlichen Machtverhältnissen in Nord- und Zentralchina.[2] Dort sind die Marschälle Tschangtsolin und Upeifu (Wu Peifu) die unbestrittenen Herren.[2] Die Regierung kann gegen den Willen dieser militärischen Führer, die dem sowjetischen Vordringen mit äußerstem Misstrauen begegnen, nicht handeln.[2]

Währenddessen erstarkt der sowjetische Einfluss im Süden des chinesischen Reiches.[2] In Kanton stützt sich der dortige militärische Machthaber Tschiangkaischek nach Berichten des Temps weiterhin auf seinen russischen Berater Borodin (Michail Borodin). Dadurch kommt dem Bolschewismus in jener Region besondere Bedeutung zu.[2]