Der ehemalige britische Unterrichtsminister H. A. L. Fisher wies kürzlich in London auf eine überaus düstere Tatsache hin. Dem Hong Kong Telegraph zufolge werde China, das einst als die friedfertigste Gesellschaft der Welt galt, heute massiv mit Waffen für den Bürgerkrieg beliefert.[1] Dies sei eine direkte Folge davon, dass der Vertrag von Saint-Germain zur Regulierung der Waffenausfuhr aufgrund der handfesten Interessen bestimmter Rüstungsfirmen niemals ratifiziert wurde.[1][2]
Während die Waffenlieferungen ausländischer Firmen anhalten, hat sich die Lage auf den chinesischen Kriegsschauplätzen weiter verkompliziert. Nach Angaben der Deutschen Allgemeinen Zeitung ist das Bündnis der beiden Warlords Wu Pei-fu (Wu Peifu) und Chang Tso-lin (Zhang Zuolin) derart festgefahren, dass das politische Schicksal Wus inzwischen auf dem Spiel steht.[3] Sein Angriff auf die im Nordwesten bei Peking stehenden Truppen ist durch Meutereien und mangelnde Unterstützung zum Erliegen gekommen.[3] Die Zeitung spekuliert, dass Chang Tso-lin, der über ein gewaltiges Reservoir an Soldaten und Material verfügt, sich bald gegen seinen bisherigen Verbündeten wenden könnte.[3]
Trotz dieser prekären Lage zeigt sich Wu Pei-fu in seinen Äußerungen siegesgewiss. Aus der China Mail geht hervor, dass der Befehlshaber eine Rückkehr an den südlichen Schauplatz bei Hankau (Hankou) strikt ablehnte.[2] Er kündigte an, seine ungeteilte Aufmerksamkeit dem Norden zu widmen und die südlichen Angelegenheiten seinem Verbündeten Marschall Sun Chuan-fang zu überlassen.[2] Wu rühmte sich, die gegnerischen Nordwest-Truppen Schritt für Schritt in die Enge getrieben zu haben, sodass es nach seiner Einschätzung keiner großen Anstrengungen mehr bedürfe, um sie vollständig zu vernichten.[2] Er erklärte, die sogenannte Nordexpedition Kantons sei lediglich Gerede, und ihr baldiger Zusammenbruch nur eine Frage der Zeit, da die Verwaltung dort aus gegensätzlichen Elementen zusammengesetzt sei.[2] Er äußerte sich außerdem spöttisch über den Befehlshaber der Kantonarmee, Chiang Kai-shek (Jiang Jieshi), der seiner Ansicht nach zögere und einen weiteren Vormarsch scheue.[2]
Die Realität stellt sich jedoch anders dar. Die Kantonarmee hat die Bindung Wus im Norden genutzt, um von Süden her in die reiche Provinz Hunan einzufallen.[3] Die militärischen Operationen machen dort Fortschritte.[3] In Kanton selbst toben derweil erbitterte Kämpfe innerhalb der Arbeiterschaft. Wie der Hong Kong Telegraph meldet, haben die als ‚rot‘ geltenden Delegiertenkonferenzen und die ‚anti-roten‘ Gewerkschaften in Straßenkämpfen nahezu 250 Tote und Verwundete zu beklagen.[1] Die Regierung in Kanton sah sich gezwungen, zahlreiche Rädelsführer der Unruhen verhaften zu lassen.[1]
Die politischen Verhandlungen bleiben vorerst blockiert. Lord Balfour erklärte im britischen Oberhaus ohne Umschweife, dass Englands Politik darauf abziele, sich jeder Einmischung in die chinesischen Angelegenheiten zu enthalten.[3] Verhandlungen Londons mit der Kantoner Regierung wurden ergebnislos abgebrochen, wodurch der Boykott gegen Hongkong weiter andauert.[3] Auch die Zollkonferenz in Peking hat ihre Tagungen eingestellt.[3] Die Mächte verhalten sich abwartend, bis sich in Peking eine Zentralgewalt konsolidiert hat, die mit einem Mindestmaß an Berechtigung für ganz China sprechen kann.[3]