Die Einbindung der russischen Bauern in die besonderen Bedingungen der Sowjetwirtschaft führt gegenwärtig zu erheblichen Spannungen. Laut dem Berliner Tageblatt verzeichnet das Moskauer Wirtschaftsblatt Ekonomitscheskaja Schisn ein massives Drängen der Landbevölkerung auf einen verstärkten Export großer Mengen Getreide.[1] Damit soll eine rasche Steigerung der Einfuhren erreicht werden, um den chronischen „Warenhunger“ in den ländlichen Gebieten zu stillen.[1] Die Bauern erklären sich bereit, für ihr Getreide lediglich Preise zu fordern, die dem Weltmarkt entsprechen, sofern dadurch der dringende Mangel an Industriegütern ausgeglichen wird.[1]

Die Schwierigkeiten des laufenden Jahres bleiben jedoch gravierend und sind mindestens so groß wie jene der vergangenen Saison.[1] Zwar fällt die Ernte erneut gut aus; trotzdem beginnen die Getreidepreise unerwartet zu steigen.[1] Dies ist teils auf die nasskalte Witterung seit Mitte Juli zurückzuführen, teils auf die hohen Kosten für gewerbliche Artikel, die den Landwirten beim Verkauf ihrer landwirtschaftlichen Produkte in den Städten abverlangt werden.[1] Berichte aus der Provinz lassen den Schluss zu, dass der Kapitalmangel inzwischen sehr spürbar ist. Eine reiche Ernte allein garantiert keineswegs die weitere Stabilisierung im Herbst.[1] Ein drastisches Beispiel liefert ein Bericht aus dem Wolga-Getreidezentrum Zarizyn (Wolgograd). Dort transportieren die Bauern ihr Korn unverrichteter Dinge in die Dörfer zurück, weil den staatlichen Einkaufsgesellschaften einfach das nötige Bargeld fehlt.[1] Ebenso mangelt es vor Ort an den benötigten Konsumgütern zu annehmbaren Preisen.[1] Bei diesem ungewöhnlichen Vorgehen dürfte auch die Erwartung der Bauern, dass die Getreidenotierungen weiter steigen, eine Rolle spielen.[1]

Die sowjetische Führung bemüht sich derweil, aus den Fehlern des Vorjahres zu lernen und die Landwirtschaft finanziell zu unterstützen. Wie die Prawda berichtet, kommt dem Ausbau der Kreditversorgung für die ärmeren Schichten der Dörfer eine erhebliche politische und wirtschaftliche Bedeutung zu.[2] Spezielle Darlehensfonds sollen die Landbevölkerung stärker in die landwirtschaftlichen Genossenschaften einbeziehen und die Produktion auf eine solidere Grundlage stellen.[2] Unterdessen weist das Berliner Tageblatt darauf hin, dass der Moskauer Fiskus in erster Linie den Tscherwonetz als Grundlage der Gesamtwirtschaft zu schützen sucht.[1] Es bleibt abzuwarten, ob die sogenannte „Schere“ zwischen den niedrigen Erlösen für Agrarprodukte und den sehr hohen Preisen für Industriegüter im Herbst noch weiter auseinandergeht.[1] Sollte dies eintreten, wäre eine erhebliche Ausweitung der Importe von Maschinen und Gütern des täglichen Bedarfs unausweichlich.[1]