Der sogenannte nationale Verband der Lehrer und Lehrerinnen, der rund 78.000 Mitglieder zählt und der Amsterdamer Internationale angehört, hat seinen Jahreskongress in Straßburg beendet.[1] Wie der Pariser Temps berichtet, geriet die Versammlung zu einer offenen Herausforderung der geltenden Gesetze.[1] Dass die Lehrerschaft ihre Zusammenkunft ausgerechnet in jenen Tagen im Elsass abhielt, in denen Ministerpräsident Raymond Poincaré die überaus heikle Verwaltung der rückgegliederten Provinzen persönlich in die Hand nimmt, verleiht der Demonstration besonderes politisches Gewicht.[1]

Berufliche Fragen dienten nach Einschätzung französischer Beobachter lediglich als Deckmantel für weitreichende politische Forderungen.[1] So wurden Reformen des Volksschulabschlusses und der Ausschluss der die Familien vertretenden Kantonaldelegierten rasch abgehandelt. Weit lebhafter verliefen dagegen die Debatten über den umstrittenen Pazifismus in den Schulbüchern sowie über eine mögliche Annäherung an die Moskauer Gewerkschaften.[1] Zwei Delegierte aus Straßburg und der Mosel wandten sich entschieden gegen eine solche Verbindung. Sie begründeten dies mit der besonderen Lage im Elsass, wo Kommunisten gelegentlich mit den Klerikalen zusammenarbeiten.[1] In der ersten Sitzung warnte ein Redner deutlich vor der Gefahr des Faschismus.[1]

Besondere Entrüstung ruft in der französischen Hauptstadt die zunehmende Radikalisierung der Beamtenschaft hervor. Dem Temps zufolge hat der Verband unter dem Schirm der Gewerkschaftsunion C. G. T. getagt und sogar den Gewerkschaftsführer Jouhaux eingeladen, um Auskünfte zu Wirtschaftsfragen zu erhalten.[1] Die Lehrerschaft überschreite die Grenzen ihrer standesgemäßen Zurückhaltung, wenn sie sich das Recht anmaße, in Steuerfragen einzugreifen und eine Kampagne gegen Industrie und Bankenwelt zu führen.[1] Zudem versuche der Kongress, den militanten Laizismus mit Nachdruck nach Elsass und Lothringen zu bringen.[1] Die Forderungen nach scharfen Kontrollen der katholischen Privatschulen — eine Haltung, die einer Inquisitionsmentalität gleiche — widersprächen der Würde des Erzieherberufs.[1] Wie das Pariser Blatt abschließend warnt, drohe den Lehrern bei dieser Agitation der Verlust der Sympathien in der Bevölkerung.[1]