Die Auseinandersetzung zwischen der Regierung des Präsidenten Calles und der katholischen Kirche in Mexiko hat sich zu einem offenen Konflikt ausgeweitet, der zunehmend blutige Formen annimmt. Im Zentrum des politischen Interesses steht gegenwärtig die drohende Verhaftung des Erzbischofs von Mexiko, Mora y del Rio (José Mora y del Río). Wie die Washington Post berichtet, ordnete das Innenministerium eine offizielle Untersuchung durch den Generalstaatsanwalt an, nachdem der hochbetagte Prälat einer amerikanischen Zeitung ein Interview gewährt hatte.[1] Dieses Vorgehen stützt sich auf einen neuen Verfassungsartikel, der es Geistlichen strikt untersagt, die Grundgesetze Mexikos oder die amtierende Regierung zu kritisieren.[1]

Während in der Hauptstadt vorerst juristische Drohungen angewandt werden, herrschen in den Provinzen bürgerkriegsähnliche Zustände. Dem Pariser Temps zufolge schilderte der aus dem Bundesstaat Michoacán eingetroffene Erzbischof Leopoldo Ruiz y Flores erschütternde Szenen.[2] In Sahuayo forderte der Widerstand gegen die neuen Religionsgesetze 20 Todesopfer, darunter zwei Priester. 17 weitere Personen wurden vom Militär hingerichtet.[2] Als sich die dortigen Katholiken weigerten, die Kirchengebäude an staatlich verordnete kommunale Komitees zu übergeben, kam es zu einem schweren Gefecht.[2] Die Menge, die mit Schusswaffen ausgestattet war, verteidigte die Gebäude von den Kirchtürmen und Dächern herab gegen anrückende Soldaten.[2] Die Schlacht dauerte den gesamten Tag an und kostete etwa 50 Menschen das Leben, bis herangeführte Verstärkungen der Bundestruppen den Widerstand brachen.[2]

Auch aus anderen Orten werden schwere Gewalttaten gemeldet. In Acombana wurden zwei Ingenieure der Regierung, die den lokalen Beamten bei der Inbesitznahme der Gotteshäuser assistieren sollten, von der aufgebrachten Menge getötet und ihre Körper in Stücke gerissen. Dies geschah trotz der eindringlichen Appelle der anwesenden Priester zur Besonnenheit.[2] In Irapuato, wo in der vergangenen Woche bereits 14 Menschen getötet worden waren, exekutierten die Truppen vier Personen, unter deren Führung zuvor ein Mob die Häuser von Protestanten geplündert und eine Frau ermordet hatte.[2] Zudem wurden dort Anfang August zwei Priester sowie rund 30 Zivilisten wegen Rebellion gegen den Staat standrechtlich erschossen.[2]

Die drastischen Maßnahmen der Regierung verschärfen eine bereits bestehende soziale und wirtschaftliche Krise im Land. Der Westfälische Merkur zitiert ausführlich aus einer Erklärung des Erzbischofs Mora y del Rio, in der dieser die laizistische Politik für das moralische und wirtschaftliche Elend verantwortlich macht.[3] Die Politiker seien unfähig, das Boden- und Arbeitsrecht vernünftig zu regeln.[3] Als besonderes Beispiel führte ein amerikanischer Berichterstatter an, dass ein großes Gut von 30.000 Acres nach der staatlichen Landverteilung nur noch zu einem Drittel genutzt werde.[3] Der Friede im Land werde außerdem durch zahlreiche Streiks und die Ausbreitung kommunistischer Zellen gestört.[3]

Besonders im Bildungswesen zeige sich der schwerwiegende Rückschritt. Nach Angaben der Regierung selbst liegt der Anteil der Analphabeten bei 70 bis 80 Prozent.[3] Dass diese Quote nicht bei 95 Prozent liege, sei allein der katholischen Kirche zu verdanken. Diese habe trotz der Enteignungen und der Beraubung ihrer Einkünfte bis zuletzt unter stiller Duldung der Behörden nahezu das gesamte Schulwesen aufrechterhalten.[3] Auch die zivile Wohlfahrt, insbesondere Armen- und Krankenpflege, blieb eine Domäne der kirchlichen Institutionen, für die der Staat keinen wirksamen Ersatz geschaffen habe.[3] Unter Berufung auf einen Hirtenbrief des ermordeten Bischofs von Huejutla wird eingeräumt, dass der Klerus durch historische Nachlässigkeit eine notwendige Sozialreform zum Teil verkannt habe. Die Geschichte belege indes unzweifelhaft, dass die Kirche in Mexiko Pionierarbeit geleistet und keineswegs der Reform feindlich gegenübergestanden habe.[3]

Angesichts der verhärteten Fronten bemühen sich einzelne weltliche Behörden um Entspannung. Ein Bericht der China Mail verweist auf ein Dekret des Bürgermeisters von Mexiko-Stadt, das den Katholiken eine erste kleine Konzession einräumt.[4] Die Komitees, denen nach dem Generalstreik der Priester am 31. Juli die Verwaltung der Kirchengebäude anvertraut wurde, dürfen nun zur Hälfte aus Katholiken und zur Hälfte aus Vertretern der Stadtverwaltung bestehen, anstatt wie bisher ausschließlich aus städtischen Beauftragten.[1][4]

Der amerikanische Episkopat wies unterdessen jede Verantwortung für die Lage in Mexiko von sich.[3] Die Beschränkungen der neuen Verfassung machten das Wirken der Kirche unmöglich, während die Tolerierung ausländischer protestantischer Geistlicher ein Zeichen dafür sei, dass Präsident Calles die katholische Kirche einer gezielten Sondereinordnung unterziehe.[3] Solidaritätsbekundungen trafen auch aus Europa ein: Die in Fulda versammelte deutsche Bischofskonferenz sandte ein Telegramm nach Mexiko, in dem sie die Kirchenverfolgung verurteilte.[3] Ähnlich äußerte sich die Katholische Union für internationale Fragen in Freiburg in der Schweiz, die die Unterdrückung der allgemeinen Menschenrechte rügte.[3]

In den Vereinigten Staaten wächst derweil der politische Druck auf die Regierung, zugunsten der Katholiken zu intervenieren. Außenminister Kellogg empfing J. J. Flaherty, den Repräsentanten der Kolumbusritter, der eine Resolution des Ordens übergab. Darin wird ein diplomatisches Eingreifen der USA gefordert.[1] Das Außenministerium behandelt die Angelegenheit jedoch streng als innerstaatliche Frage Mexikos, die dieses Land selbst lösen müsse.[1] Neben dem religiösen Konflikt belastet die Verhaftung des Amerikaners J. H. Grande, der ohne Anhörung wegen eines angeblichen Verfassungsverstoßes in Mexiko festgehalten wird, das Verhältnis beider Länder.[1] Laut der Washington Post gibt es in Washington jedoch keine Anzeichen für eine Verschärfung des diplomatischen Tons, sodass auch die neueste amerikanische Note bezüglich des parallel schwelenden Streits um die mexikanischen Ölgesetze ihren überaus freundlichen Charakter beibehalten wird.[1]