Das Reichskabinett trat in den späten Abendstunden zusammen, um die außenpolitische Lage und die bevorstehende Septembertagung in Genf zu erörtern.[1] Reichsaußenminister Gustav Stresemann wird dabei seinen mit Spannung erwarteten Bericht über den geplanten deutschen Beitritt zum Völkerbund erstatten.[1] Nach Berichten der Moskauer Prawda erscheinen Hoffnungen, die Fragen um den deutschen Beitritt seien bereits restlos geklärt, als verfrüht.[2] In Berliner Regierungskreisen betont man, dass die Bedingungen noch Gegenstand heikler diplomatischer Verhandlungen sind. Die spanischen Forderungen auf eine Erweiterung des Völkerbundrates sind keineswegs vom Tisch.[2]

Im Mittelpunkt der diplomatischen Verhandlungen steht weiterhin der Anspruch Spaniens auf einen ständigen Ratssitz.[3] General Primo de Rivera hat diese Forderung soeben in einer Sondernummer der Londoner Times bekräftigt.[4] Dem Westfälischen Merkur zufolge wird sich eine eigens eingesetzte Studienkommission ab dem 24. August in Genf ausschließlich mit dem spanischen Begehren befassen.[3] Es besteht in London wenig Aussicht, dass sich die Madrider Regierung mit dem Kompromissvorschlag eines auf sechs Jahre verlängerten nichtständigen Sitzes zufriedengeben wird.[4] Der spanische Außenminister erklärte jüngst vor der Presse, dass auch der kürzlich geschlossene spanisch-italienische Vertrag an Madrids Haltung im Völkerbund nichts ändere.[4]

Die Deutsche Allgemeine Zeitung meldet unterdessen eine rege Reisetätigkeit des französischen Botschafters in Madrid, de la Rocca. Dieser ist zu Besprechungen in Paris eingetroffen.[4] Die französische Zeitung Information nimmt an, es könne zu einem diplomatischen Gegengeschäft kommen: Sollte Berlin seinen Widerstand gegen einen ständigen spanischen Ratssitz aufrechterhalten, werde Italien im Gegenzug sein Veto gegen den Eintritt Deutschlands einlegen.[4] Dagegen versichert der römische Korrespondent der Mailänder Sera, Italien werde dem deutschen Beitritt keine Hindernisse in den Weg legen, da die verbesserten Beziehungen beider Staaten eine konstruktive Zusammenarbeit rechtfertigten.[4]

In London wird angestrebt, eine Lösung im Rahmen der Vorschläge von Lord Cecil zu finden, die Spanien in der Genfer Liga belassen sollen.[1] Die Gewährung eines ständigen Ratssitzes an ein anderes Land als Deutschland wird jedoch aufgrund der prinzipiellen Haltung Schwedens faktisch ausgeschlossen.[3] Ein Entgegenkommen Deutschlands gegenüber Spanien birgt zudem die Gefahr, dass auch andere Mächte ähnliche Zugeständnisse fordern könnten.[4] Insbesondere polnische Wünsche werden seit dem Regierungswechsel in Paris wieder nachdrücklicher artikuliert.[4] Der konservative Evening Standard richtet in diesem Zusammenhang deutliche Kritik gegen den britischen Außenminister Chamberlain und befürchtet eine Wiederholung der Ereignisse vom vergangenen März, falls die Lage nicht mit Entschlossenheit behandelt werde.[4] Im Gegensatz zu diesen Befürchtungen erwartet man in offiziellen Londoner Kreisen dennoch keine ernsthaften Schwierigkeiten von polnischer Seite.[1][3]

Begleitet werden die Genfer Vorbereitungen von Verhandlungen über eine Reduzierung der alliierten Besatzungstruppen im Rheinland. Laut der Wiener Zeitung plant Frankreich für den September eine Verminderung seines Kontingents um 6000 Mann.[1] Englische Militärstatistiken beziffern die aktuelle Truppenstärke auf etwa 59.000 Franzosen, 8000 Briten und 7000 Belgier.[1] Eine Verringerung der französischen Verbände auf unter 70.000 Mann insgesamt wird in London als hinreichendes Zeichen erachtet, das in Deutschland entsprechende Anerkennung finden müsse.[1] Aus dem Westfälischen Merkur geht ferner hervor, dass der französische Außenminister Aristide Briand in seinen Gesprächen mit dem deutschen Botschafter keine Vorbedingungen hinsichtlich der Unterbindung „nationalistischer“ Kundgebungen im Rheinland gestellt habe.[3]

Während die politischen Diskussionen anhalten, arbeitet die Vorbereitende Abrüstungskommission in Genf bereits an konkreten Sachfragen. Eine militärische Unterkommission debattiert über die künftige Kontrolle der Rüstungsbeschränkungen und einen belgischen Vorschlag, eine zentrale Nachrichtenstelle für potenziell zivilisationswidrige Kriegserfindungen zu schaffen.[4] Auch die Unterkomitees für das Marine- und Luftfahrtwesen führen ihre Studien fort und prüfen den militärischen Wert ziviler Handelsmarinen.[4] Wie die Deutsche Allgemeine Zeitung berichtet, erhält die deutsche Delegation bereits jetzt umfassende Gelegenheit zur Meinungsäußerung, obwohl das Reich im Völkerbundrat noch nicht offiziell vertreten ist.[4]