Der am 10. Juni von Außenminister Aristide Briand und dem bevollmächtigten rumänischen Gesandten Constantin Diamandy unterzeichnete Sicherheits- und Schiedsgerichtsvertrag zwischen Frankreich und Rumänien tritt nun verstärkt in das Bewusstsein der europäischen Diplomatie.[1][2] Dem Figaro zufolge stellt das Abkommen einen bedeutenden Schritt zur Sicherung des europäischen Friedens dar. Es verpflichtet beide Nationen, jeden künftigen Konflikt einem friedlichen Schiedsverfahren zu unterwerfen.[1] Ferner sieht der Pakt eine wichtige Gewährleistung der Sicherheit vor, da er die Einhaltung des durch die Friedensverträge geschaffenen territorialen Status quo bestätigt und als folgerichtige Fortsetzung der Abkommen von Locarno gilt.[1]
Das Pariser Blatt Le Temps betont ausdrücklich, dass die neue französisch-rumänische Übereinkunft gegen keine dritte Macht gerichtet sei.[2] Sie diene ausschließlich der Aufrechterhaltung der politischen Stabilität und richte sich streng nach den Grundsätzen der Genfer Völkerbundsatzung.[2] Beide Staaten schließen wechselseitig jeglichen Angriff aus und verpflichten sich, nur im Falle einer legitimen Verteidigung oder bei Anwendung des Artikels 16 des Völkerbundpaktes zu den Waffen zu greifen.[2] Die Auffassung, wonach bereits die Existenz des Völkerbundes militärische Bündnisse entbehrlich mache, weist die französische Publizistik zurück.[2] Solche regionalen Pakte präzisieren vielmehr die gegenseitigen Verpflichtungen für den Ernstfall.[2] Frankreich setzt damit seine Vertragspolitik konsequent fort. Diese führte bereits zu Bündnissen mit Polen und der Tschechoslowakei und wird voraussichtlich mit einem Vertrag mit Jugoslawien ergänzt werden.[1][2]
Laut dem Temps dürfte der Vertrag in Moskau dennoch auf Argwohn stoßen.[2] Die dortige Sowjetregierung betrachtet die Zugehörigkeit der Provinz Bessarabien zu Rumänien nach wie vor als ungeklärt, obwohl diese Frage völkerrechtlich längst und ohne Möglichkeit des Einspruchs entschieden ist.[2] Da das Abkommen offiziell vom Völkerbund registriert wird, kann Moskau jedoch keinen triftigen Vorwand für Besorgnis aus dem rein defensiven Vertragstext herleiten.[2]
Trotz der offiziell hervorgehobenen Völkerbundideologie bestimmten offenbar auch machtpolitische Erwägungen den Zeitpunkt der Unterzeichnung. Aus Berichten der Wiener Neuen Freien Presse geht hervor, dass das rumänische Blatt Adeverul eine politische Begründung für den Abschluss gibt.[3] Das Dokument lag demnach bereits seit Monaten unterschriftsreif in den Schubladen der Diplomaten.[3] Nach Einschätzung aus Bukarest ist es die akute französische Sorge, Rumänien könne sonst zu sehr in die Einflusssphäre Italiens geraten, die Paris nun zur Unterzeichnung des Vertrags bewogen hat.[3]