Die weitreichenden Verhandlungen über den Zusammenschluss der kontinentaleuropäischen Schwerindustrie zu einem Internationales Stahlkartell|internationalen Eisen- und Stahltrust nähern sich offenbar ihrem Abschluss.[1] Wie aus gut unterrichteten Kreisen in Paris verlautet, stehen die Vereinbarungen zwischen den maßgeblichen Industriellen aus Frankreich, Deutschland und Belgien praktisch vor der Unterzeichnung; diese soll möglicherweise bereits am 15. September vollzogen werden.[1] Die augenfällige Geheimhaltung der bisherigen Beschlüsse ruft jedoch in diplomatischen Kreisen erhebliches Befremden hervor. So wird kritisiert, dass der genaue Wortlaut des Vertrages nicht unmittelbar nach seinem formellen Abschluss veröffentlicht werden soll und dass seine Registrierung beim Völkerbundsekretariat in Genf offenbar gezielt bis nach der für September angesetzten Völkerbundversammlung hinausgezögert wird.[2]
Die internationale Presse verfolgt dieses Geschehen mit größter Aufmerksamkeit und teils unverhohlener Sorge. Dabei unterscheiden sich die Perspektiven je nach nationaler Interessenlage erheblich. Laut dem amerikanischen *New York Herald* müsse der geplante Verbund der kontinentaleuropäischen Länder dem Exportgeschäft der Vereinigten Staaten und Großbritanniens einen schweren Schlag versetzen.[2] Englische und amerikanische Produzenten könnten unter Umständen sogar von wichtigen Absatzmärkten wie Kanada, Japan und Südafrika ganz verdrängt werden.[2] In britischen Industriekreisen nimmt man an, der amerikanische Widerstand gegen das Kartell werde nicht besonders ausgeprägt sein, da die deutschen Teilnehmer zu einem erheblichen Teil mit amerikanischem Kapital ausgestattet seien.[2] Die Gefahr für die amerikanische Wirtschaft bestehe vielmehr darin, dass der kontinentale Trust auch England einbeziehen und dadurch zu einer Weltorganisation heranwachsen könnte, gegen die ein erbitterter Wettbewerb stattfinden müsste.[2]
In der britischen Hauptstadt weisen Blätter wie die *Daily Mail* und die *Westminster Gazette* in großen Überschriften darauf hin, dass Großbritannien vorerst von dem Pakt ausgeschlossen bleibt.[2] Nach Berichten der *Westminster Gazette* ist die derzeitige Lage für England weiterhin unklar; die Entwicklung werde jedoch von den britischen Stahlmagnaten aufmerksam beobachtet.[2] Von maßgeblicher Seite erklärt man, die britische Industrie habe kein Interesse, dem Kartell als Unterzeichner beizutreten.[2] England befinde sich derzeit in einer Position, die eine Teilnahme erschwere, da die Ausschließlichkeit des eigenen Marktes für die überseeischen Dominions gewahrt werden solle.[2] Solange sich der französisch-deutsche Stahlpakt auf das europäische Festland beschränke, werde er den britischen Handel voraussichtlich wenig beeinträchtigen.[2] Dennoch enthalte die Situation beunruhigende Faktoren, denn einflussreiche amerikanische Interessenten blieben in enger Verbindung zu den Pariser Verhandlungen.[2] Ein führender britischer Industrieller stellte fest, man müsse die Möglichkeit sehr ernst nehmen, dass eine teilweise von Amerika kontrollierte französisch-deutsche Kombination künftig im Wettbewerb mit der britischen Stahlschwerindustrie stehe.[2]
Besondere Unruhe hat das anbahnende Abkommen in Italien hervorgerufen. Aus Rom wird gemeldet, dass die dortige Presse erhebliche Nachteile für die italienische Industrie befürchtet.[1] Das *Giornale d'Italia* spricht von einem Vertrag, der sehr rasch zu einer „Allianz“ werden könne, welche die gesamte europäische Metallurgie beherrsche.[1] In Italien erwartet man als Konsequenz entweder eine Politik extrem niedriger Preise, die den dortigen Markt überschwemmen könnte, oder aber künstlich hochgehaltene Preise, die dringend benötigte Einkäufe im Ausland für hiesige Betriebe erschweren oder unmöglich machen würden.[1] Beide Fälle würden eine neue Bedrohung darstellen und machten defensive Gegenmaßnahmen erforderlich.[1]
Auch innerhalb der europäischen Arbeiterbewegung wird das Problem der zunehmenden Vertrustung und Rationalisierung eingehend diskutiert; vielfach besteht Unklarheit über die geeignete strategische Ausrichtung.[3] In seinem Buch *Die Vereinigten Staaten von Europa* warnt Wladimir Woytinski davor, dass die notwendige horizontale und vertikale Vertrustung der Industrie privatkapitalistische Gruppen zu einem „Staat im Staate“ werden lassen könne.[3] Für die Arbeiterparteien komme daher weder eine völlige Ablehnung der Truste noch eine uneingeschränkte Förderung in Betracht.[3] Stattdessen müsse als politisches Ziel eine verpflichtende Beteiligung der Gemeinden an lokalen Zusammenschlüssen sowie die Teilhabe des Staates an landesweiten Trusts angestrebt werden.[3] Auf internationaler Ebene werde eine verpflichtende Beteiligung aller betroffenen Länder an Wirtschaftsgemeinschaften von weltweiter Bedeutung gefordert.[3] Die weitere Entwicklung der staatlichen Wirtschaftspolitik werde darüber Auskunft geben, ob die fortschreitende Vertrustung als fortschrittlich oder reaktionär anzusehen sei.[3]