Der offene Brief des ehemaligen französischen Ministerpräsidenten Georges Clemenceau an den amerikanischen Präsidenten Calvin Coolidge schlägt weiterhin hohe Wellen. Wie der Pariser Temps meldet, betrachtet man im Weißen Haus den Schritt des einstigen Regierungschefs mangels eines offiziellen Mandats lediglich als private Meinungsäußerung eines verdienten Bürgers.[1] Präsident Coolidge hatte bereits in der Vergangenheit betont, dass die amerikanische Regierung ausschließlich Dokumente auf offiziellem, diplomatischem Wege berücksichtigen könne.[1] Das amerikanische Außenministerium sowie Finanzminister Andrew Mellon, der sich derzeit in Europa aufhält, hüllen sich daher in Schweigen.[1] Lediglich Senator William Borah, der Vorsitzende des auswärtigen Ausschusses, sowie Mitglieder der amerikanischen Schuldenkommission äußerten scharfe Kritik.[1] Die Abgeordneten Smoot, Crisp und Burton verteidigten das amerikanische Vorgehen und erklärten, das getroffene Abkommen sei für beide Länder gerecht und billig.[1]
In Washingtoner Kreisen befürchtet man, dass der Vorstoß Clemenceaus die ohnehin schwierige Finanzdebatte weiter erschweren könnte. Er habe die bestehende diplomatische Ordnung umgangen und sich direkt an die amerikanische Öffentlichkeit gewandt.[2] Ferner wird darauf hingewiesen, dass die amerikanische Schuldenkommission ihre Mission faktisch beendet hat.[1] Verträge mit allen Schuldnerstaaten sind unterzeichnet; mit Ausnahme Frankreichs haben alle Staaten die Abkommen ratifiziert.[1] Die Entscheidung liegt nun ausschließlich bei den jeweiligen Parlamenten.[1]
Der „Tiger“ selbst zeigt sich von den Reaktionen aus Übersee unbeeindruckt. Laut einem Bericht des Berliner Tageblatts suchte ein Redakteur des Intransigeant Clemenceau in seinem ländlichen Rückzugsort in der Vendée auf, um ihn mit den Erklärungen Borahs zu konfrontieren.[3] Auf die Frage, ob er die Äußerungen des Senators gelesen habe, erwiderte der ehemalige Ministerpräsident in seiner gewohnt rauen Art: „Nein! Ich lese keine Zeitungen, nur die Depeschen des ‚Petit Parisien‘.“[3] Clemenceau lehnte es ab, auf die Kritik zu antworten, und betonte, er habe alles Notwendige gesagt.[3] Dem Nieuwe Rotterdamsche Courant zufolge erklärte Clemenceau außerdem, er habe mit seinem Schreiben direkt das amerikanische Volk erreichen wollen und glaube noch immer, dass sein Brief nicht vergeblich gewesen sei.[4] Den Vorschlag, die Initiative für eine interalliierte Konferenz zur Regelung der Schuldenfrage zu ergreifen, wies er entschieden zurück.[3] Dies sei die Aufgabe anderer, da man ihm sonst nur vorwerfen würde, er sei eine Persönlichkeit ohne Mandat.[3] Auch den Gerüchten, er strebe ein neues politisches Amt an, trat er entgegen: Der Senatssitz des Bar-Departements sei ihm nicht angeboten worden; man würde ihn ihm auch vergebens anbieten.[3]
In Frankreich selbst hat der Brief die tiefe Zerrissenheit in der Schuldenfrage erneut offenbart. Nach Angaben des Evening Star stehen sich zwei extreme Lager gegenüber, die die Ratifizierung der Verträge strikt ablehnen: Auf der Rechten sind es die Royalisten um Léon Daudet sowie die Nationalisten, auf der äußersten Linken die Kommunisten und Sozialisten.[2] Die gemäßigten Parteien der Mitte, Finanzexperten und Bankiers befürworten derweil eine Ratifizierung. Sie hoffen, zu einem späteren Zeitpunkt bessere Bedingungen aushandeln zu können.[2]
Die öffentliche Debatte wird insbesondere von historischen Argumenten bestimmt. Der Figaro zitiert den Diplomaten Paul Le Faivre. Er argumentiert, dass die Angelsachsen auf französischem Boden einen verheerenden Krieg zur Verteidigung ihrer eigenen Interessen geführt hätten.[5] Le Faivre führt weiter aus, dass die Engländer einen nicht abzuschätzenden Schaden verursacht hätten, als sie eine Konterbande zum Nutzen des gemeinsamen Feindes zuließen; dadurch sei der Krieg um drei Jahre verlängert worden.[5] Zudem hätten die Vereinigten Staaten unter Präsident Woodrow Wilson die 1907 in Den Haag geschlossene Konvention zum Schutz der Neutralen nicht beachtet.[5]
In weiten Teilen der Pariser Presse, so betont man, versuchten die regierenden Republikaner in den USA lediglich, die europäische Öffentlichkeit bis zur Wiederwahl Coolidges ruhigzustellen.[5] Frankreich werde hinter vorgehaltener Hand geraten, die Schuldenfrage vorerst ruhen zu lassen.[5] Der Figaro warnt jedoch eindringlich davor, diesem Drängen nachzugeben, und fordert die sofortige Entsendung eines ständigen, mit umfassenden Vollmachten ausgestatteten Botschafters nach Washington.[5] Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, das Schuldenabkommen in seiner jetzigen Form nicht ohne eine konkrete Schutzklausel zu ratifizieren.[5] Da der Vertrag über die tatsächlichen Ausführungsmöglichkeiten schweigt, sei ein Zusatzantrag erforderlich — ein bloßes Abnicken wäre ein Verbrechen am Staat.[5]