Nürnberg stand an diesem Wochenende ganz im Zeichen der Republik. Wie der Vorwärts meldet, wurde die offizielle Verfassungsfeier des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold mit einem gewaltigen Fackelzug eingeleitet, an dem Zehntausende Kameraden teilnahmen. Nahezu 200 000 Menschen bildeten diszipliniert Spalier.[1] Die fränkische Metropole präsentierte sich im Festschmuck. Die Stadtverwaltung ließ riesige schwarz-rot-goldene Fahnen hissen. Auch an Geschäftsgebäuden sowie Straßenbahnen flatterten die Farben der Republik im Wind.[2] Am Samstagnachmittag traf die Bundesleitung unter Führung von Oberpräsident Otto Hörsing ein, um an der akademischen Feier im historischen Rathaussaal teilzunehmen.[1]
In jenem Saal, in dem einst der Westfälische Friede feierlich begangen wurde, versammelten sich führende Republikaner. Unter ihnen waren Reichstagspräsident Paul Löbe, Hermann Müller-Franken sowie der Pazifist Ludwig Quidde.[3] Nach der musikalischen Eröffnung durch ein Mendelssohn-Quartett hob das Bundesvorstandsmitglied Krohne hervor, dass die Zusammenkunft den bayerischen Partikularisten und Monarchisten die Stärke der Republikaner vor Augen führen solle.[3] Bemerkenswert war die Anwesenheit von Vertretern des Bayerischen Bauernbundes.[3] Oberbürgermeister Dr. Luppe erntete minutenlangen Applaus, als er den Versammelten für ihren unermüdlichen Kampf gegen „Hitlerei“ und „Streicherei“ dankte.[3]
Den intellektuellen Höhepunkt der Veranstaltung bildete die Festrede des österreichischen Staatskanzlers a. D. Dr. Karl Renner. Dem Berliner Tageblatt zufolge bezeichnete er die Nürnberger Kundgebung als eine machtvolle Abwehr gegen Reaktion und Bolschewismus.[3] Renner betonte, der alte Obrigkeitsstaat habe auf der Ideologie von Blut und Eisen geruht, während Weimar die „Gewalt der Idee“ an deren Stelle gesetzt habe.[1] Mit Nachdruck verwies er auf das unzerstörbare Band zwischen Deutschland und Österreich. Beide Völker seien durch Kultur und Sprache eine Nation.[3] Es sei das historische Unglück der Deutschen, dass der Monarchismus sie gespalten habe. In Wien warte man jedoch auf den Tag, an dem sich die Tore des Reichstags für Vertreter der österreichischen Republik öffnen würden.[1]
Im Anschluss ergriff Paul Löbe das Wort, um sich demonstrativ hinter den Bundesvorsitzenden Hörsing zu stellen, der jüngst wegen seiner Kritik an der Rechtsprechung heftig angegriffen worden war.[1] Löbe prangerte an, dass veraltete, volksfremde Richter dem deutschen Ansehen schweren Schaden zufügten und die Autorität des Staates untergrüben.[1] Er erinnerte daran, politische Skandalprozesse hätten den ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert geradezu zu Tode gehetzt.[1] Man brauche vielmehr eine Justiz, die beim Aufbau des freien Volksstaates helfe.[1]
Auch abseits der Hauptveranstaltung entfaltete sich rege politische Tätigkeit. Am Vorabend hielt der jungdemokratische Verband Bayerns im Künstlerhaus eine so stark besuchte Verfassungsfeier ab, dass eine Parallelversammlung eingerichtet werden musste, um den unerwarteten Andrang zu bewältigen.[3] Dort warnte Dr. Luppe vor der fortwährenden Sabotage republikanischer Einrichtungen und mahnte die Anwesenden, den sozialen Gedanken in der Bevölkerung zu verankern, um die demokratische Zukunft zu sichern.[3]