Die amerikanische Wirtschaft steuert auf einen beispiellosen Höhepunkt zu. Laut der Washington Post erlebt das Land derzeit einen außergewöhnlichen wirtschaftlichen Aufschwung, der selbst die kühnsten Erwartungen der Finanzexperten übertrifft.[1] Der Wirtschaftspublizist William P. Helm prognostiziert für das laufende Fiskaljahr einen Überschuss in der Staatskasse von mindestens einer halben Milliarde Dollar.[1] Unter günstigen Umständen hält er sogar einen Überschuss von bis zu einer Milliarde für möglich. Damit dürfte die größte Steuersenkung in der Geschichte der Vereinigten Staaten bevorstehen.[1] Helm erinnert daran, dass eine frühere Schätzung, die von einem Überschuss von bis zu 350 Millionen Dollar ausging, in hohen offiziellen Kreisen noch heftig kritisiert worden war.[1] Ein Mitglied des Finanzausschusses habe damals eine ganze Stunde im Senat darauf verwendet, diese Zahlen als ungerechtfertigt darzustellen.[1] Nun aber scheint sich die Zuversicht auf ganzer Linie zu bestätigen.[1]

Die günstigen Aussichten spiegeln sich deutlich an den Finanzmärkten wider. Wie das Blatt weiter berichtet, erreichen die Kurse an der New Yorker Börse bei starkem Handel neue Höchststände.[1] Dieser von lebhaftem Treiben begleitete Aufschwung wird von führenden Ökonomen als klares Zeichen für eine anhaltend positive Entwicklung gewertet.[1] Die Gewinne der großen Unternehmen nehmen erheblich zu. Für die zweite Jahreshälfte 1926 wird erwartet, dass sie die sehr guten Ergebnisse der ersten sechs Monate noch deutlich übertreffen wird.[1] Üblicherweise ruht die Industrie im Hochsommer ein wenig; gegenwärtig jedoch stellt die amerikanische Wirtschaft mitten in der traditionellen Urlaubszeit neue Rekorde auf.[1]

Neben dem florierenden industriellen Sektor richtet die Regierung in Washington ihr Augenmerk nun verstärkt auf die Agrarwirtschaft, die von der Hochkonjunktur bislang weniger profitierte. Nach Angaben der Kölnischen Zeitung beabsichtigt die Administration in Kürze, ein umfangreiches Programm zur Unterstützung der amerikanischen Farmer zu veröffentlichen.[2] Dieses Projekt sieht eine engere Zusammenarbeit verschiedener staatlicher Stellen und die Vergabe weitreichender landwirtschaftlicher Kredite vor.[2] Zugleich bemüht sich das amerikanische Handelsministerium um konkrete Maßnahmen, die der Wiederbelebung der heimischen Baumwollspinnereien dienen sollen.[2]

Auch die jüngsten Ernteprognosen fügen sich in ein insgesamt stabiles wirtschaftliches Gesamtbild ein. Die kürzlich bekanntgegebenen amtlichen Ernteschätzungen aus den Vereinigten Staaten lösten an den internationalen Getreidemärkten keine besonderen Reaktionen aus.[2] Die bisherige Beurteilung der globalen Versorgungslage entspricht den nun veröffentlichten Ziffern, sodass die fortlaufende Belieferung der europäischen Märkte mit amerikanischem Weizen gesichert erscheint.[2]