Die traditionelle europäische Tanzkunst weicht zusehends vor einem neuen Rhythmus zurück, der die Bühnen der Welt erfasst.[1] Wie der Pariser Temps in einer ausführlichen Betrachtung feststellt, kapitulieren die klassischen Theater vor einer regelrechten Offensive, die den Charleston triumphierend auf das Parkett trägt.[1] Die Ära des unabhängigen Balletts scheint ernsthaft bedroht. Der Siegeszug des Varietés, das beständig nach Überraschung und Exzess strebt, stellt das bisherige Ballett in Frage.[1]
Das unbestrittene Sinnbild dieser rasanten Entwicklung ist Miss Joséphine Baker, die von der französischen Presse ehrfurchtsvoll als „schwarze Venus“ gefeiert wird.[1] Als sie unlängst bei einem Wohltätigkeitsball in der Pariser Oper auf allen vieren die Bühne durchmaß, wirkte dies wie ein sardonisches Symbol einer neuen Vorherrschaft.[1] Das laufende Jahr 1926 trägt laut demselben Blatt den unauslöschlichen Stempel der Revue nègre, ganz so, wie die Saison 1909 von dem Stück Shéhérazade geprägt worden war.[1] Sogar die gefeierten Ballets Russes des Herrn von Diaghilew (Sergei Djagilew) geraten gegenüber diesem ungestümen Ausdruck ins Hintertreffen.[1]
Der Tanzrausch beschränkt sich jedoch keineswegs auf die großen Metropolen. Auch in den mondänen Ferienorten breitet sich das neue Rhythmusgefühl aus. Dem Figaro zufolge feiert die Gesellschaft derzeit im voll besetzten Chamonix prunkvolle Sommerfeste.[2] Bei den dortigen Tanzwettbewerben zogen kürzlich ein Herr und ein Fräulein Elbo die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich, weil sie sich durch ihren dargebotenen Charleston ganz besonders hervortaten.[2]
Die Ästhetik der klassischen Tanzbühne verwandelt sich allmählich in ein Nummernprogramm — eine Entwicklung, die den reinen Schauwert in den Vordergrund rückt.[1] Der Siegeszug des Charlestons markiert nicht nur einen künstlerischen Wandel, sondern ist auch Ausdruck eines veränderten Zeitgeistes. Die unvergleichliche Persönlichkeit von Miss Baker fasst das Lebensgefühl einer Epoche zusammen, die sich bewusst von den traditionsreichen Vorstellungen des alten Europas entfernt.[1]