Am vergangenen Wochenende geriet die befreite rheinische Metropole zum Schauplatz einer groß angelegten vaterländischen Kundgebung für das Rheinland, die Pfalz und das Saargebiet.[1] Die Kölner Messehalle war bis auf den letzten Platz gefüllt. Am Sonntagnachmittag vereinigten sich dort zahllose Zuschauer und Delegierte zur Hauptversammlung.[2] Als Veranstalter traten unter anderem der Reichsverband der Rheinländer, der Bund der Saarvereine, die Rheinische Frauenliga sowie der Verein der Pfälzer auf.[1] Nach Angaben der Badischen Presse bot der dem Festakt vorausgehende Zug der Landsmannschaften und studentischen Korporationen — angeführt von der Röchlingschen Hüttenkapelle — zunächst das Bild einer machtvollen und farbenprächtigen Demonstration für die noch besetzten Gebiete.[3]
Jedoch wurde die Veranstaltung durch einen Eklat um die Beflaggung schwer überschattet. Wie das Berliner Tageblatt scharf kritisiert, erweckte der Festzug den Eindruck, von rechtsradikalen Kampforganisationen dominiert zu werden.[4] An der Spitze marschierten Verbände wie „Werwolf“ und „Stahlhelm“, die zahlreiche Fahnen mit Hakenkreuzen mitführten.[4] Die offizielle schwarz-rot-goldene Reichsflagge wurde mit Duldung der Festleitung zurückgedrängt. Gleichzeitig wurden im Zug Schmähschriften gegen den „Geist von Weimar“ verteilt.[4] Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold sowie die christlichen Gewerkschaften hatten im Vorfeld gefordert, dass ausschließlich die Verfassungsflagge an der Spitze getragen werde.[4] Als die Festleitung lediglich anbot, die republikanischen Farben neben der schwarz-weiß-roten Fahne mit der Gösch zu dulden, sagten die verfassungstreuen Organisationen ihre Teilnahme ab.[4] Das demokratische Kölner Tageblatt forderte ein behördliches Nachspiel und verwahrte sich dagegen, dass Gruppierungen, die die Außenpolitik des Reichs als Hochverrat bezeichnen, bei einer nationalen Kundgebung die erste Stellung einnehmen durften.[4]
In der Messehalle bemühten sich die Redner um eine würdige und überparteiliche Haltung. Der Landeshauptmann der Rheinprovinz, Dr. Horion, richtete einen energischen Protest gegen die nationale Vergewaltigung und die Abtrennung deutscher Gebiete.[3] Er erklärte unter starkem Beifall der Zuhörer: „Wir wollen heute unsere Stimme erheben, auf dass sie gehört werde überall.“[2] Er betonte laut dem Westfälischen Merkur, dass bloße Kreidestriche, die über einen lebendigen Volkskörper gezogen werden, niemals das Strömen des Blutes vom Herzen bis in die äußersten Glieder behindern könnten.[2] Dr. Horion warnte zugleich vor der in Deutschland häufigen gegenseitigen Verhetzung und mahnte zur inneren Geschlossenheit.[3] Anschließend überbrachte Oberpräsident Dr. Fuchs die Grüße der Reichsregierung und der preußischen Staatsregierung.[2] Er stellte mit Genugtuung fest, dass nicht Rache, sondern allein der Wille zur Verständigung den europäischen Frieden sichern werde.[3] Reich und Staat, so versprach er feierlich, würden die abgetrennten Gebiete nicht im Stich lassen.[2]
Für den Reichsverband der Rheinländer sprach dessen Präsident Dr. Kaufmann. Er erklärte, die rheinische Tausendjahrfeier habe den französischen Separatisten jede Hoffnung auf eine Loslösung der Rheinlande genommen.[2] Er gedachte außerdem der abgetrennten Gebiete in Eupen-Malmedy sowie der österreichischen Brüder an der Donau.[2] Aus dem Harburger Tageblatt geht hervor, dass Professor Dr. Röhlmann noch weiter ging. Er warf der Entente einen Bruch der Versprechungen von Locarno vor.[1] Die von alliierten Dienststellen lediglich in Aussicht gestellten Erleichterungen könnten das deutsche Volk nicht zufriedenstellen.[1] Nach einem Beitrag eines Saarbrücker Pfarrers sowie musikalischen Vorträgen vereinigter rechtsrheinischer Männergesangvereine nahm die Versammlung einstimmig eine Entschließung an.[1][3] Diese fordert die unverzügliche Verringerung der Besatzungstruppen auf die Friedensstärke der Vorkriegszeit sowie die vollständige Räumung der zweiten und dritten Besatzungszone, um die künstliche Scheidemauer im Westen abzubauen.[1]