Das wichtigste innenpolitische Ereignis der Sowjetunion ist augenblicklich die Absetzung von Lew Kamenew (Lev Kamenev), der als Volkskommissar für den Handel sowohl den Binnenhandel als auch den besonders wichtigen Außenhandel in einer Hand vereinigte.[1] Wie aus einer offiziellen Mitteilung hervorgeht, wird der altgediente Bolschewist künftig weder ein Partei- noch ein Sowjetamt bekleiden.[1] Dieser drastische Schritt markiert einen harten Schnitt. Kamenew hatte seit dem Ausbruch der Revolution stets an den verantwortlichsten Stellen gestanden und war auch bei den früheren erbitterten Kämpfen gegen die parteiinterne Opposition sehr aktiv gewesen.[1] Die bedingungslose Entlassung beweist eindeutig, dass die Parteileitung unter Führung des Zentrums keinerlei Kompromisse mehr dulden will.[1] Auf diesem Wege folgt Kamenew der Disziplinierung und teilt das Schicksal von Grigori Sinowjew (Grigory Zinoviev), der bereits zuvor seine Machtpositionen eingebüßt hatte.[1]
Zum Nachfolger Kamenews wurde Anastas Mikojan (Anastas Mikoyan) berufen, was in politischen Kreisen eine gewisse Überraschung auslöste.[1] Mikojan, ein 31-jähriger Georgier aus Tiflis, gehörte dem engeren Zirkel um Josef Stalin an und war bisher fast ausschließlich in Parteikreisen der Provinz bekannt.[1] Das Berliner Tageblatt berichtet, dass er 1915 der bolschewistischen Bewegung beitrat und während der Kämpfe im Kaukasus mehrfach gefangen genommen wurde, unter anderem von britischen Truppen.[1] In Baku entging er angeblich nur durch Zufall der Erschießung von einundzwanzig Kommunisten.[1] Seine Berufung auf ein solch schwieriges Gebiet der sowjetischen Wirtschaftspolitik, für das er vor allem als Parteiarbeiter und weniger als Fachmann gilt, unterstreicht den absoluten Führungsanspruch der Stalingruppe.[1] Erst in jüngster Zeit war Mikojan zum Kandidaten für das höchste Gremium, das Politbüro, aufgerückt.[1]
Unterdessen scheint sich die zuvor geschlagene Opposition zunehmend fester zu organisieren.[2] Dem Pariser Temps zufolge gruppiert sie nicht nur die Extreme um Sinowjew und Michail Latschewitsch (Mikhail Lashevich), sondern sammelt auch unterschiedlichste Elemente, die von der gegenwärtigen Moskauer Politik unzufrieden sind.[2] Im Verborgenen spielt Leo Trotzki offenbar wieder eine bedeutsame Rolle.[2] Der frühere Organisator der Roten Armee genießt weiterhin starke Sympathien in jenen militärischen Kreisen, die fest in kommunistischen Prinzipien verankert sind.[2] Ebenso soll sich Latschewitsch auf die Unterstützung einiger Garnisonen stützen können.[2] Der tiefe Riss im Parteigefüge ergibt sich aus völlig gegensätzlichen Auffassungen über die Zukunft des Staates: Auf der einen Seite fordern die Extremisten unbedingt die Fortsetzung der revolutionären Weltpolitik; auf der anderen Seite stehen die opportunistischen Kräfte der Mehrheit.[2] Diese Mehrheit ist der Ansicht, dass zum Wiederaufbau Russlands und für den Erhalt ausländischer Kredite geordnete Beziehungen mit anderen Völkern hergestellt werden müssen, auch wenn dies einen Bruch mit reinem Prinzip bedeutet.[2]
Die tiefe Spaltung an der Spitze lähmt auch Teile des Regierungsapparats in Moskau. So wurde Juri Pjatakow (Yuri Pyatakov), einem prominenten Mitglied des Obersten Wirtschaftsrates, ein zweimonatiger Urlaub erteilt.[1] Es bleibt abzuwarten, ob Pjatakow, der als Leiter der Konzessionsabteilung auch im Ausland bekannt ist und zur Spitzengruppe der Opposition zählt, überhaupt in sein Amt zurückkehren wird.[1] Bezeichnend für die angespannte Lage ist zudem die Verschiebung des allrussischen Sowjetkongresses auf das nächste Jahr.[1] Parallel zur Führungskrise wächst der Sowjetregierung in der Ukraine eine weitere ernsthafte Bedrohung entgegen. Le Temps berichtet, dass dort eine mächtige separatistische Strömung entstanden ist, die den vollständigen Austritt aus der Sowjetunion fordert.[2] Selbst das amtliche Regierungsorgan Iswestija musste zugeben, dass Charkow mit Moskau zerfallen sei; ukrainische Behörden dulden keinen russischen Sprachgebrauch mehr und entlassen systematisch Beamte, die das Ukrainische nicht beherrschen.[2] Das Moskauer Zentralkomitee, das diese Tendenzen als Werk westlicher Imperialisten ansieht, ist alarmiert und sieht sich gezwungen, über radikale Konsolidierungsmaßnahmen nachzudenken.[2]