Die Verhältnisse im Süden Chinas spitzen sich weiter zu. Bei der gestrigen Eröffnung der neuen Geschäftsräume der Firma Lane, Crawford and Company in Hongkong fand der dortige Gouverneur deutliche Worte für die politische Krise. Dem China Mail zufolge bezeichnete er die anhaltende Vitalität Hongkongs als Beweis für die Nutzlosigkeit der vom Kanton-Streikkomitee organisierten Piraterie und des Bandenwesens.[1] Die Regierung in Kanton habe noch immer nicht begriffen, dass die erste Pflicht einer staatlichen Autorität in der Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung bestehe.[1] Stattdessen dulde sie das organisierte Räuberwesen in der Provinzhauptstadt und erlaube eine ungesetzliche Tyrannei, die der kantonesischen Bevölkerung durch Streikposten mit Gewalt aufgezwungen werde.[1]
Diese Vorwürfe stimmen mit aktuellen Meldungen aus Berlin überein, die auf Depeschen aus Hongkong basieren. Nach Angaben des Helsingin Sanomat hat der Kommunismus in Kanton in der Abwesenheit des Generals Tschangkaishek (Chiang Kai-shek) erneut an Einfluss gewonnen.[2] Die Hoffnungen auf eine baldige Beilegung des schwelenden Boikottkonflikts sind laut den Berichten äußerst gering.[2] Die radikalen Elemente nutzen offenbar das derzeitige militärische Machtvakuum, um ihre politische Stellung in der südchinesischen Metropole erheblich zu stärken.[2]
Die Südregierung steht derweil vor kaum lösbaren finanziellen Schwierigkeiten. Wie der Hong Kong Telegraph berichtet, benötigt die Kuomintang dringend neue Mittel für ihre leere Kriegskasse.[3] Um die anhaltenden Feldzüge zu finanzieren, haben die Behörden beschlossen, die Tarife der sogenannten Likin-Steuer — einer innerchinesischen Transitabgabe — in Kanton erneut anzuheben.[3] In den vergangenen zwölf Monaten seien diese Abgaben bereits um fast fünfzig Prozent erhöht worden.[3] Die örtliche Kaufmannschaft weigert sich jedoch zunehmend, weitere Steuern für die Jahre 1927 und 1928 im Voraus zu entrichten.[3] Etwa 80.000 Kaufleute sind von diesen Maßnahmen direkt betroffen.[3] Der Mangel an Armeegeldern zwingt die Behörden nun nach Berichten sogar dazu, sieben veraltete Kanonenboote zu verkaufen, um liquide Mittel zu erhalten.[3] Trotz dieser schwierigen Lage erkennt das Hauptquartier der Kuomintang in Kanton weiterhin keine militärischen Rückschläge an.[3] Die Parteiführung bestreitet entschieden, dass ihre Armeen nach dem Fall von Nankou geschlagen seien, und weist alle entgegengesetzten Berichte der ausländischen Presse ausdrücklich zurück.[3]
Die militärische Situation in den Provinzen bleibt äußerst unübersichtlich. Marschall Wupeifu (Wu Peifu) setzt seinen großangelegten Feldzug gegen die roten Truppen fort und gewinnt weitere Verbündete. Aus Wutschou (Wuzhou) wird gemeldet, dass Tangtschiyao (Tang Jiyao), der Militärgouverneur der Provinz Yünnan (Yunnan), sich der antibolschewistischen Kampagne des Marschalls angeschlossen hat.[3] Die yünnanesischen Streitkräfte nähern sich bereits der Grenze zu Kwangsi (Guangxi).[3] Zugleich kommt es in der Region um Lulung und in weiteren Teilen des östlichen Kwangtung (Guangdong) wiederholt zu kommunistischer Agitation.[3] Wupeifu gelingt es jedoch nicht, alle regionalen Machthaber für sein Bündnis zu gewinnen. General Suntchuanfang (Sun Chuanfang), der die strategisch wichtigen Provinzen Tschekiang (Zhejiang) und Kiangsu (Jiangsu) kontrolliert, verweigert nach vorliegenden Berichten beharrlich die Teilnahme am Feldzug gegen die Kuomintang.[3]
Zu den politischen und militärischen Wirren kommen schwere Naturkatastrophen hinzu, die das Leid der Zivilbevölkerung erheblich vergrößern. Das Helsingin Sanomat meldet massive Überschwemmungen im Jangtse-Tal.[2] Diese Flut steht auch für den weitreichenden Verfall der zivilen Infrastruktur in den umkämpften Provinzen. Die Staudämme und Deichanlagen befinden sich in den von den chinesischen Militärführern kontrollierten Gebieten in einem sehr schlechten Zustand.[2] In Shanghai ist zudem die Cholera ausgebrochen, was die ohnehin kritische sanitäre und medizinische Lage in der bedeutenden Hafenstadt des Landes weiter verschärft.[2]