In den europäischen Kabinetten blickt man mit wachsender Sorge auf die herannahende Septembertagung des Völkerbundes. Wie die Badische Presse meldet, hüllt sich die britische Regierung bezüglich möglicher neuer Schwierigkeiten in offizielles Schweigen.[1] In der Londoner Downing Street weist man lediglich darauf hin, dass die sofortige Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund absolute Priorität genieße und alle anderen Fragen diesem Ziel nachstehen müssten.[1] Wenn man in London gehofft hatte, durch Zugeständnisse an Deutschland auch die Wünsche anderer Nationen befriedigen zu können, so sei diese Hoffnung endgültig zerstört worden.[1]
Unterdessen bereitet die internationale Diplomatie eine zweite Zusammenkunft der Studienkommission für die Ratssitze vor. Dem Westfälischen Merkur zufolge ist damit zu rechnen, dass die Einladungen für eine Sitzung am 30. August in Kürze ergehen werden.[2] Die Reichsregierung zeigt an dieser Vorberatung starkes Interesse und wird im Falle einer Einladung — wie bereits im Mai — loyal mitarbeiten.[2] In führenden Berliner Kreisen hegt man jedoch Zweifel, ob von dieser zweiten Instanz der Studienkommission noch wertvolle Anregungen zu erwarten sind.[2] Man befürchtet vielmehr eine Gefährdung jener Vorschläge von Lord Robert Cecil, auf die sich die Kommission im Frühjahr nach zähem Ringen geeinigt hatte.[2] Diese britischen Vorschläge sehen bekanntermaßen eine Vermehrung der nichtständigen Sitze im Völkerbundrat von sechs auf neun vor, verbunden mit der Möglichkeit einer direkten Wiederwahl der Inhaber.[2]
Doch der Widerstand gegen diese Lösung wächst beständig. Spanien ist mit dem Kompromiss nicht einverstanden und wird voraussichtlich versuchen, neue Forderungen durchzusetzen.[2] Auch von polnischer Seite droht heftige Gegenwehr gegen den Plan Cecils.[2] Um Warschau zu beschwichtigen, kursiert in Genf nun eine neue diplomatische Konstruktion: die Zuteilung sogenannter ‚halbständiger‘ Ratssitze.[2] Unter diesen versteht man nichtständige Sitze, für die nicht nur eine Wiederwahl zulässig ist, sondern für die zudem — als besonderes Zugeständnis — eine längere Reihe von Jahren von vornherein garantiert wird.[2] Es steht zu befürchten, dass der gordische Knoten der diplomatischen Ratskrise durch derartige Ausflüchte nur noch enger gezogen wird.[2]
Die Rolle des britischen Außenministers Austen Chamberlain wird in diesem Zusammenhang besonders aufmerksam beobachtet. Die Badische Presse verweist auf seine traditionelle Sympathie für Polen.[1] Es erscheint denkbar, dass Chamberlain der polnischen Regierung zumindest die Illusion eines ständigen Ratssitzes in Aussicht gestellt hat, um das Land gegenüber der Sowjetunion abzusichern; Deutschland lehnt eine solche Zusage jedoch entschieden ab.[1] Einer derartigen Lösung stehen allerdings nicht nur deutsche Interessen entgegen.[1] Die skandinavischen Staaten beharren unverändert darauf, dass neben Deutschland keine weitere Macht in den Rat aufgenommen werden dürfe.[1] Diese nordische Geschlossenheit wurde jüngst in Kopenhagen unterstrichen. Dort hob der dänische Politiker Dr. Laust Moltesen auf einer interparlamentarischen Versammlung Skandinaviens das Zusammengehörigkeitsgefühl des Nordens als wesentliche moralische Macht hervor.[2] Selbst wenn Deutschland aus taktischen Gründen nachgeben sollte, würden die skandinavischen Länder ihr striktes Veto aufrechterhalten.[1] Chamberlain sieht sich deshalb gezwungen, Zurückhaltung zu üben, um seine diplomatischen Erfolge von Locarno nicht zu gefährden.[1]
Die Lage wird zusätzlich durch fortgesetzte Störmanöver aus Moskau erschwert. Nach Berichten der Times, die sich auf Informationen aus Riga stützt, versucht die sowjetische Regierung durch gezielte Intrigen in Berlin, London und Paris, den deutschen Völkerbundeintritt im letzten Moment zu vereiteln.[1] Die Badische Presse skizziert dazu die dreigleisige Strategie russischer Agenten: Den Deutschen wird eingeredet, der Eintritt in den Völkerbund würde ihre Handlungsfreiheit sowie ihre Verträge mit Frankreich und Russland empfindlich einschränken.[1] In London verbreitet man die Auffassung, Großbritannien werde getäuscht, da die deutsch-französische Annäherung im Grunde eine gegen Großbritannien gerichtete Verbindung sei.[1] Den Franzosen wird unterdessen suggeriert, die deutsche Ratsmitgliedschaft bedeute unausweichlich eine baldige Revision des Dawes-Plans und eine schnelle Räumung der Rheinlande.[1]
Die anhaltenden internationalen Reibereien zeigen im Inland bereits Wirkung. Die Sächsische Staatszeitung analysiert, dass die Ereignisse der Frühjahrssitzung und die abwartende Haltung Englands in der Besatzungsfrage die anfängliche Begeisterung stark abgekühlt haben.[3] Auch die politischen Turbulenzen in Frankreich tragen dazu bei, dass der Völkerbundgedanke bei weiten Teilen der deutschen Öffentlichkeit Ansehen verloren hat.[3] Angesichts dieser schwierigen Lage hat der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, Staatsminister a. D. Oskar Hergt, für Ende August eine Sondersitzung einberufen.[1] Voraussichtlich am 26. August wird der Ausschuss detaillierte Erklärungen der Reichsregierung zur außenpolitischen Situation und insbesondere zur drohenden Völkerbundkrise entgegennehmen.[1]