Das britische Volk sieht sich in diesen Tagen als Opfer eines überaus geschmacklosen Betrugs.[1] Die wochenlangen Gerüchte um die angebliche Auffindung der sterblichen Überreste von Lord Kitchener haben ein abruptes Ende gefunden.[1] Am gestrigen Montagmorgen wurde in der Leichenhalle von Lambeth eine angeblich aus Norwegen eingetroffene Holzkiste unter strengster Geheimhaltung geöffnet.[2] Bereits am frühen Morgen hatte sich eine große Menschenmenge vor dem Gerichtsgebäude versammelt.[2] Ein beträchtliches Polizeiaufgebot musste das Gebäude vor den neugierigen Blicken abschirmen.[3]

Zugegen waren bei der vertraulichen Untersuchung neben Beamten des britischen Innenministeriums auch der Untersuchungsrichter Ingleby Oddie sowie der renommierte Pathologe Sir Bernard Spilsbury.[1] Wie der Hong Kong Telegraph meldet, fanden sich wenig später auch der Polizeichef und der leitende Kriminalkommissar von Scotland Yard ein.[2] Das Ergebnis der makabren Inspektion sorgte für einen allgemeinen Schrei der Entrüstung.[3] Der Sarg enthielt keinerlei menschliche Überreste, sondern war nach einer Meldung des Pariser Figaro lediglich mit Erde gefüllt.[3] Laut der Washington Post veröffentlichte das Innenministerium sogleich eine offizielle Erklärung.[1] Darin wurde ausdrücklich festgestellt, dass es sich um einen vollständig neuen Sarg handelte, der offensichtlich nie einen Leichnam geborgen hatte.[1]

Verantwortlich für die infame Täuschung ist der britische Journalist Frank Power.[1] Er hatte die Kiste am vergangenen Freitag nach London gebracht und bei einem Bestattungsunternehmen in der Waterloo Road deponiert, wo sie wenig später von Kriminalbeamten beschlagnahmt wurde.[2] Power hatte in der jüngeren Vergangenheit wiederholt Artikel in einer Sonntagszeitung veröffentlicht, in denen er schwere Vorwürfe gegen die Admiralität im Zusammenhang mit Kitcheners Tod erhob.[2] Er behauptete hartnäckig, er habe das Grab des im Sommer 1916 verunglückten Feldmarschalls in Skandinavien ausfindig gemacht.[4]

Dem schwedischen Hufvudstadsbladet zufolge berief sich der Journalist auf die Berichte zweier norwegischer Fischer namens H. Iversen und C. Johansen.[5] Diese Männer hätten im Juli 1916 in Egersund und Farsund beobachtet, wie ein lebloser Körper an die felsige Küste gespült wurde.[5] Die Fischer hätten den Toten, der eine stattliche Größe aufwies, für einen britischen Offizier gehalten und ihn unter Steinen auf dem Strand verborgen.[5] Später sei der Körper auf dem Friedhof der Gemeinde beigesetzt worden.[5] Ein Fetzen seiner Uniform aus grünem Khakistoff sei damals angeblich ebenso aufbewahrt worden wie einige kleine Bänder; dabei soll es sich um Kriegsdekorationen gehandelt haben.[5]

Die wahren Beweggründe des Herrn Power scheinen jedoch rein profaner Natur zu sein. Nach Informationen der norwegischen Zeitung Stavangeren, die von der schwedischen Presse aufgegriffen wurden, steht die gesamte Aktion im Zusammenhang mit Filmaufnahmen.[5] Power verweilte demnach zwei Wochen lang mit einem Kameramann in Stavanger.[5] Dort inszenierte er auf einem Kai eine Trauerfeierlichkeit mit britischem Flaggenschmuck, bei der er selbst die Rolle eines Geistlichen spielte.[5] Es wird vermutet, dass der angebliche Leichenfund lediglich der aufmerksamkeitsheischenden Bewerbung seines Films dienen sollte.[5] Überdies berichtete die Nachrichtenagentur Reuter, dass der nun geöffnete Sarg überhaupt nicht aus Norwegen stammte, sondern in Schottland angefertigt worden war.[5]

Der Fall hat in ganz Großbritannien alte Wunden aufgerissen, da Lord Kitchener zu Beginn des Krieges eine wahre Ikone des britischen Volkes war.[3] Der Feldmarschall war am 5. Juni 1916 an Bord des Kreuzers Hampshire gegangen.[4] Aus ausführlichen Berichten des Temps ist zu entnehmen, dass eine streng geheime Mission nach Russland geplant war. In Archangelsk sollte mit der russischen Führung über die Munitionsversorgung verhandelt werden.[4] Admiral Jellicoe hatte für diese Fahrt die Hampshire, einen 1902 auf Stapel gelegten Kreuzer der Devonshire-Klasse, zur Verfügung gestellt.[4] Das Ziel der Reise war derart geheim gehalten worden, dass selbst in der Admiralität nur fünf oder sechs Personen die Details des Programms kannten.[4]

Am Morgen des Abfahrtstages wehte ein heftiger Nordoststurm, sodass Admiral Jellicoe große Bedenken hatte.[4] Die Minensuchboote der Flotte waren aufgrund des schweren Seegangs nicht in der Lage gewesen, die Ausfahrtswege zu räumen.[4] Ein Patrouillenboot hatte zudem die Anwesenheit eines deutschen Unterseebootes nordöstlich von Kap Wrath gemeldet.[4] Aus diesem Grund entschied der Flottenchef, die Hampshire auf eine Route entlang der Westküste der Orkney-Inseln zu schicken.[4] Ein Aufschub der Reise kam für Lord Kitchener nicht infrage, da er erklärt hatte, keinen einzigen Tag verlieren zu dürfen.[4] Der Kreuzer verließ Scapa Flow schließlich um 16:45 Uhr, begleitet von den beiden Zerstörern Unity und Victor.[4]

Da das Wetter zusehends schlechter wurde, mussten die Begleitschiffe bald zu ihrer Basis zurückkehren.[4] Die Fahrt in der stürmischen Nacht endete in einer Katastrophe, bei der das Schiff sank.[4] Das jüngst von der britischen Regierung veröffentlichte Weißbuch hat sämtliche Legenden über eine angebliche Sabotage entkräftet.[2] Demnach wurde der Verlust der Hampshire durch Minen verursacht, die das deutsche Unterseeboot U-75 in diesen Gewässern ausgelegt hatte.[4] Das deutsche Schiff wusste nichts von der Anwesenheit des berühmten Feldmarschalls.[4] Auch die von Power vertretene Theorie, Kitcheners Leichnam sei bis nach Skandinavien getrieben worden, wird von der Admiralität strikt zurückgewiesen.[4] Lediglich die Leichen von zwei Begleitern Kitcheners, Oberst Fitzgerald und Leutnant MacPherson, konnten jemals geborgen werden.[4]

Nach dem grotesken Schauspiel der vergangenen Tage fordert die Öffentlichkeit Aufklärung. Das britische Innenministerium hat nun Scotland Yard offiziell angewiesen, sich mit Frank Power in Verbindung zu setzen.[3] Die Ermittler sollen eindeutig klären, auf welche Weise dieses seltsame Frachtstück nach Großbritannien gelangen konnte.[3]