Die politischen Beratungen der nordischen Staaten rücken eine der drängendsten Fragen der europäischen Diplomatie in den Mittelpunkt. Wie die Neue Freie Presse berichtet, beweist die geschlossene Haltung der nordischen Länder, dass der gegenwärtige Streit um die Ratssitze keineswegs eine rein deutsche Angelegenheit ist.[1] Vielmehr haben sich die nordischen Staaten direkt und unmissverständlich gegen eine Erweiterung und Umgestaltung des Völkerbundrates ausgesprochen.[1] Diese entschlossene Positionierung macht deutlich, dass durch die Auseinandersetzung die gesamte künftige Stellung der Genfer Liga berührt wird.[1]
Der Widerstand der nordischen Diplomatie richtet sich gegen Bestrebungen, durch die Schaffung neuer Sitze das Gleichgewicht im Rat zu verändern. Unterdessen fragt man sich in Berliner Regierungskreisen mit wachsender Sorge, ob die Studienkommission noch vor dem Zusammentritt der Völkerbundversammlung eine tragfähige Lösung finden wird.[1] Die diplomatischen Verhandlungen unter den Mächten sind jedoch noch nicht abgeschlossen.[1] In San Sebastián fand unlängst eine Konferenz der Mächtevertreter statt; daran nahm auch der spanische Außenminister teil, ebenso der deutsche Botschafter.[1] General Primo de Rivera betonte nach dem letzten Ministerrat erneut die Wichtigkeit der Tangerfrage und verwies darauf, dass diese zurzeit in allen europäischen Kabinetten erörtert werde.[1] Beobachter gehen davon aus, dass ein Entgegenkommen der Mächte in der Tangerfrage zu einer spanischen Konzession in der Ratsfrage führen könnte.[1]
Während die nordischen Staaten als deutliche Verfechter des bisherigen Systems auftreten, wahrt Berlin strikte Zurückhaltung. Das Reichskabinett ist für den 27. August zu einer neuen Sitzung einberufen worden.[1] Sobald das Völkerbundsekretariat dem spanischen Antrag auf Einberufung der Studienkommission folgt, wird Deutschland an den neuen Beratungen teilnehmen und sich voraussichtlich wieder durch den Pariser Botschafter von Hoesch vertreten lassen.[1] An dem grundsätzlichen Standpunkt der deutschen Regierung, sich in die Rivalitäten der Völkerbundmächte keinesfalls einzumischen, dürfte sich jedoch nichts ändern.[1]