Knapp einen halben Monat vor Beginn der ordentlichen Völkerbundtagung in Genf ist die internationale Lage von neuerlicher Ungewissheit geprägt.[1] Die Hoffnungen, dass die bisherigen Beratungen alle Hindernisse für den Eintritt Deutschlands beseitigt hätten, haben einen empfindlichen Dämpfer erhalten.[1] Wie die Neue Freie Presse berichtet, wurde die deutsche Regierung durch den französischen Geschäftsträger in Berlin offiziell davon unterrichtet, dass die Studienkommission zur Ausarbeitung von Vorschlägen für die Zusammensetzung des Völkerbundrates am 30. August erneut zusammentreten wird.[2] Dies geschieht auf ausdrückliches Verlangen der spanischen Regierung.[2] Die Reichsregierung hat sich bereit erklärt, an diesen Vorbereitungsarbeiten teilzunehmen, und den deutschen Botschafter in Paris, Dr. von Hoesch, als Vertreter namhaft gemacht.[2]

Über die genauen Absichten hinter der Einberufung herrschte in den Berliner Regierungskreisen zunächst Unklarheit.[2] In informierten Kreisen wird jedoch die Vermutung geäußert, dass der französische Ministerpräsident Raymond Poincaré die Madrider Regierung ermuntert haben könnte, ihre bereits aufgegebene Kandidatur für einen ständigen Ratssitz wieder aufzunehmen.[2] Dahinter stehe der Wunsch, im Völkerbundrat ein ständiges Gegengewicht zu Deutschland zu schaffen.[2] Ein solches Vorgehen würde in starkem Gegensatz zu einer Loyalitätserklärung stehen, die Poincaré bei seinem jüngsten Regierungsantritt in Berlin abgeben ließ.[2] Darin hatte er versichert, die durch Aristide Briand und den Locarnovertrag festgelegten Richtlinien der französischen Außenpolitik nicht ändern zu wollen.[2]

Die deutsche Regierung lässt derweil keinen Zweifel an ihrer unnachgiebigen Haltung.[2] Berlin wird erst dann eine Delegation nach Genf entsenden, wenn unzweifelhaft feststeht, dass im September ausschließlich Deutschland als ständiges Mitglied in den Völkerbundrat gewählt wird.[2] Die sogenannte ‚Theorie des polnischen Gegengewichtes' müsse endgültig fallen gelassen werden.[2] Ein Verzicht Deutschlands auf den Eintritt hätte schwerwiegende Rückwirkungen auf das gesamte durch Locarno begründete Verhältnis zu den Westmächten.[2] Starke Unterstützung erfährt die deutsche Position aus Skandinavien. Aus der Badischen Presse geht hervor, dass Schweden laut dem Stockholmer Regierungsblatt Svenska Morgenbladet seine kompromisslose Politik vom März fortsetzen wird.[3] Das Blatt betont, dass Deutschland allein Anspruch auf einen ständigen Ratssitz habe, warnt aber zugleich davor, dass die parlamentarische Verschiebung in Frankreich von Briand zu Poincaré die polnischen Ansprüche wieder bestärkt habe.[3] Auch die Zeitung Dagligt Allehanda unterstreicht die Notwendigkeit, das Großmächteprinzip zwingend beizubehalten.[3]

In diplomatischen Kreisen kursiert auch eine weniger dramatische Auslegung der spanischen Vorstöße. Demnach beabsichtigt Spanien nicht mehr, in der Studienkommission einen ständigen Ratssitz für sich zu fordern, sondern strebt eine Änderung der Mandatsdauer an.[2] Die halb-ständigen Sitze sollen nicht für drei, sondern für fünf Jahre verliehen werden.[2] Dies würde Spanien bei einer sofortigen Wiederwahl eine ununterbrochene Zugehörigkeit von zehn Jahren garantieren.[2] Die kleineren Staaten, darunter Schweden, Norwegen und die Schweiz, sträuben sich jedoch energisch gegen eine solche Verlängerung der Amtszeiten.[2] Die polnische Diplomatie bemüht sich derweil stark, vor allem die Haltung der Schweiz umzustimmen.[2]

Unterdessen hat das Völkerbundsekretariat bemerkenswerte Änderungen der Arbeitsordnung veröffentlicht.[4] Dem Westfälischen Merkur zufolge wird die 41. Sitzung des Völkerbundrates vom 3. auf den 2. September vorverlegt.[4] Die Völkerbundversammlung bleibt für den 6. September anberaumt.[4] Gleichzeitig mehren sich die diplomatischen Manöver um die nicht-ständigen Sitze. Die rumänische Regierung soll ihre Kandidatur für jenen Platz angemeldet haben, den der tschechoslowakische Vertreter Edvard Beneš im März geräumt hatte.[4] Beneš war damals gemeinsam mit dem schwedischen Delegierten zurückgetreten, um im Sinne eines gescheiterten Kompromisses Platz für Polen und die Niederlande zu machen.[4] Das damalige Scheitern, bedingt durch das brasilianische Veto und polnische Vorbehalte vor einer geheimen Abstimmung in der Versammlung, wirft bis heute einen langen Schatten auf die Verhandlungen.[4]

Wenn die Völkerbundversammlung am 6. September eröffnet wird, soll der deutsche Aufnahmeantrag unmittelbar auf der Tagesordnung stehen.[2] Ob daraufhin auch der feierliche Einzug der deutschen Delegierten in den Reformationssaal erfolgen kann, hängt gänzlich davon ab, ob die Studienkommission in den kommenden Tagen ein weiteres diplomatisches Debakel wie im vergangenen März abwenden wird.[1]