Die Verhandlungen über die Bildung eines europäischen Stahlkartells — an denen in der vergangenen Woche Delegierte der französischen, deutschen, belgischen und luxemburgischen Schwerindustrie in Paris teilnahmen — sind vorerst bis zum 15. September vertagt worden.[1] Nicht nur in den unmittelbar beteiligten Ländern, sondern auch in Italien, England und Amerika wecken die Unterredungen lebhafte Aufmerksamkeit.[1] Dem Figaro zufolge ist das zugrunde liegende Problem keineswegs neu. Es beschäftigt die Industriellen und Regierungen, die seit Jahren auf eine Behebung der Krise drängen.[1]
Die jüngste Initiative zur Schaffung eines kontinentalen Zusammenschlusses ging offenbar von deutscher Seite aus.[1] Nachdem das Reich seine wirtschaftliche und monetäre Konsolidierung weitgehend abgeschlossen hat, streben die deutschen Werke wieder nach einem Wettbewerb, der auf stabilen Grundlagen ruht.[1] Im Gegensatz dazu sehen die französischen und belgischen Vertreter weniger Grund zur Eile. Der gesunkene Frankenkurs öffnet ihnen derzeit die ausländischen Absatzmärkte und verschafft einen erheblichen Exportvorteil.[1]
Den Kern der Verhandlungen bildet das weltweite Problem der Überproduktion.[1] Der letzte Krieg hat eine stark ausgebaute und verbesserte Hüttenindustrie hinterlassen. Sie gliedert sich im Wesentlichen in vier große Gruppen: die französisch-belgische, die deutsche, die englische und die amerikanische.[1] Dieser enormen Produktionskapazität steht die geschwächte Kaufkraft vieler Nationen gegenüber.[1] Zudem schützen sich zahlreiche Staaten durch hohe Schutzzölle, während große Gebiete wie Russland wirtschaftlich stagnieren.[1] Die Befürworter eines Kartells, so berichtet das Pariser Blatt, betonen vor allem den sozialen und politischen Nutzen. Die Verhinderung massenhafter Erwerbslosigkeit sei in einem dicht besiedelten Europa, in dem wirtschaftliche Not häufig bestehende Konflikte verschärft, von höchster Bedeutung.[1] Nachteilig wirke jedoch der unausweichliche Preisdruck, den Monopolstellungen auf die Verbraucher ausüben.[1]
Trotz eines grundlegenden Optimismus, der nach Wiener Meldungen bezüglich der Eisenkartellverhandlungen teilweise vorherrscht,[2] bleiben die Hürden enorm. Eine unabdingbare Vorbedingung für ein europäisches Abkommen ist die vorherige Gründung nationaler Kartelle in den jeweiligen Vertragsstaaten.[1] Dies erweist sich häufig als äußerst schwierig, da die Produktionsbedingungen zwischen den einzelnen Werken eines Landes stark variieren.[1] Lucien Romier, der politische Chefredakteur des Figaro, verweist in diesem Zusammenhang auf die viel zitierte „Indisziplin“ der belgischen Metallurgen, die eine nationale Einigung erschwert.[1] Darüber hinaus spielt die nationale Verteidigung in jedem Land eine bedeutende Rolle und bremst schnelle Entschlüsse der Regierungen.[1] Sollte das kontinentale Kartell dennoch zustande kommen, würde dies eine neue Phase in den Beziehungen Europas zur angelsächsischen Welt einleiten.[1] Die Pariser Analyse schließt jedoch mit der Feststellung, dass Europa kaum die Freiheit erlangen wird, seine wirtschaftliche Macht kraftvoll neu aufzubauen, solange es seine Finanzen nicht saniert und die nationalen Währungen nicht stabilisiert hat.[1]