In der Sowjetunion zeichnet sich eine deutliche Verschärfung der innenpolitischen Auseinandersetzungen ab, die unmittelbar mit der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes verknüpft ist. Wie aus einem nun veröffentlichten gemeinsamen Aufruf des Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare Rykow, des Generalsekretärs Stalin sowie des Vorsitzenden des Obersten Volkswirtschaftsrates Kuibyschew hervorgeht, soll eine weitreichende Sparsamkeitskampagne im gesamten Staatsapparat durchgesetzt werden.[1][2]

Der Aufruf, der als direkte politische Antwort auf das Erstarken der innerparteilichen Opposition verstanden wird, zieht eine ernüchternde Bilanz der bisherigen Rationalisierungsbemühungen. Laut dem Hamburger Echo richtet sich das Manifest mit ungewöhnlicher Schärfe gegen die eigene Behördenorganisation und gegen die Wirtschaftsführer.[2] Die drei sowjetischen Führer kritisieren, dass die bisherige Wirtschaftspolitik häufig einseitig zulasten der Arbeiterschaft gegangen sei. Dieser seien materielle und soziale Vorteile aus angeblichen Spargründen entzogen worden.[1][2]

Gleichzeitig prangert die Führung die ausufernde Sowjetbürokratie an. In den Amtsstuben seien zu viele Angestellte beschäftigt, Dienstautos würden benutzt, es herrsche ein beträchtlicher Reiseluxus, und auf vielfältige Weise würden Sonderverdienste gesichert.[1][2] Ziel der neuen Kampagne ist es, Ersparnisse von mindestens 300 bis 400 Millionen Rubel allein am Verwaltungsapparat zu erzielen, ohne dabei Bauern oder Arbeiter mit neuen Lasten zu belegen.[1][2] Das Dokument nennt jedoch keine konkreten Wege zur Umsetzung dieses Programms. Bereits ein halbes Jahr lang war ohne greifbaren Erfolg über Einsparungen debattiert worden.[2]

Die amtliche Pravda bemüht sich, die Kampagne ideologisch zu untermauern. Unter Hinweis auf Lenins Forderung „Lieber weniger, aber besser“ wird betont, dass erhebliche Einsparungen im Staatsapparat unerlässlich seien, um sowohl die Elektrifizierung des Landes als auch Großprojekte wie das Wolchow-Wasserkraftwerk voranzubringen.[3] Die Industrialisierung bildet nach Ansicht der Zeitung die notwendige Grundlage für die zukünftige Entwicklung.[3]

Dass die innenpolitischen Schwierigkeiten auch auf die Streitkräfte übergreifen, zeigen aktuelle Maßnahmen der Militärführung. Dem Vorwärts zufolge hat das Militärkommando des Leningrader Gouvernements sämtliche Versammlungen, Referate und Vorträge in den Truppenteilen der Roten Armee untersagt.[1] Dieser Schritt wird mit der Agitation der Opposition innerhalb der Truppe begründet, in der sich in letzter Zeit besondere politische Gruppen gebildet hatten. Diese Gruppen veranlassten nun das Eingreifen der obersten Militärbehörde.[1]

Die Diktatur sieht sich infolge des wirtschaftlichen Drucks gezwungen, gegen die Auswüchse ihrer eigenen Herrschaftsbasis — die Bürokratie — vorzugehen und gleichzeitig die politische Kontrolle über die Armee zu verschärfen.[1]