Die mit Spannung erwarteten Friedensverhandlungen im englischen Kohlenstreik sind ergebnislos in eine Sackgasse geraten.[1] Die Zusammenkunft zwischen dem Zentralkomitee der Grubenbesitzer und dem Vorstand der Bergarbeitergewerkschaft endete gestern Nachmittag bereits nach einer knappen anderthalbstündigen Sitzungsdauer.[2] Der zuvor betonte Optimismus, mit dem weite Teile der britischen Öffentlichkeit den Beratungen entgegengesehen hatten, ist nun der Ernüchterung gewichen.[1] Die Presse aller Parteien zeigte sich heute Morgen darin einig, dass der Zusammenbruch der Besprechungen umfassend war. Von einer raschen Wiederaufnahme der Gespräche kann daher keine Rede sein.[1]

Schon vor Beginn der Konferenz am gestrigen Nachmittag hatte sich eine ausgesprochen pessimistische Stimmung breitgemacht.[3] Einige Vertreter der Bergarbeiter erklärten im Vorfeld, dass die Gespräche auf eine knappe halbe Stunde begrenzt bleiben würden, falls die Arbeitgeber auf ihrem bisherigen Standpunkt beharrten.[3] Aus Berichten des Harburger Tageblatts geht hervor, dass die Arbeitervertreter vor allem drei zentrale Punkte geklärt wissen wollten: die Bereitschaft der Arbeitgeber zu einem landesweit gültigen Abkommen, den endgültigen Verzicht auf eine Verlängerung der Arbeitszeit und das Angebot deutlich höherer Löhne als bei der letzten Offerte.[3]

Unter dem Vorsitz des Präsidenten des Grubenbesitzerverbandes wurden die Arbeitervertreter schließlich aufgefordert, ihre Forderungen am Konferenztisch zu benennen.[2] Der Führer der Bergarbeiter, Herbert Smith, machte dabei als entscheidende Bedingung geltend, dass die Gewerkschaft an einem nationalen Abkommen sowie an der Nichtverlängerung der Arbeitszeit festhalte.[2] Darüber hinaus betonte Smith, dass eine Erörterung der Lohnfragen erst nach einer Untersuchung zur Reorganisation des Bergbaus sowie nach Gesprächen mit der Regierung über mögliche staatliche Kohlensubventionen infrage käme.[2]

Die Arbeitgeberseite zeigte keinerlei Kompromissbereitschaft. Der Präsident des Grubenbesitzerverbandes wies die Forderungen kompromisslos zurück und erklärte, es sei wirtschaftlich unmöglich, die Arbeit zu den vor dem Streik geltenden Lohnsätzen und Arbeitszeiten wieder aufzunehmen.[2] Auch der Abschluss eines nationalen Abkommens wurde abgelehnt, da dies den unterschiedlichen Bedürfnissen der einzelnen Kohlenbezirke nicht gerecht werde.[2] Neue Staatssubventionen wurden von den Besitzern ebenso kategorisch abgelehnt.[2] Darüber hinaus äußerten die Grubenbesitzer den Verdacht, dass die Gewerkschaftsführung durch die Einberufung der Konferenz lediglich die bereits in den Bezirken begonnenen Separatverhandlungen stören wolle.[3] Angesichts dieser grundsätzlichen Gegensätze sah die Arbeitgeberseite keinen Sinn darin, Verhandlungen ohne belastbare Grundlage fortzusetzen.[2] Die dem Schwerindustriekreis nahestehende Nachrichtenagentur Exchange Telegraph meldete anschließend sachlich, es sei nicht gelungen, eine Grundlage für weitere Gespräche zu finden.[2]

Die Bergarbeitergewerkschaft sah sich daraufhin veranlasst, eine kämpferische Erklärung abzugeben. Sie forderte ihre Mitglieder auf, dem Widerstand gegen Bedingungen Nachdruck zu verleihen, die Armut und eine Verringerung der Lebenshaltung für eine ganze Generation zur Folge hätten.[2] Zugleich richtete sie einen Appell an das englische Publikum, die streikenden Arbeiter und ihre Familien finanziell zu unterstützen.[2] Der Vorstand der Gewerkschaft tritt am heutigen Tage zu einer Sondersitzung zusammen, um die verschärfte Lage zu erörtern.[2] In der Fachzeitung The Miner verschärfte der Generalsekretär der Bergarbeiter, Arthur Cook, den Ton und drohte mit politischen Kampfmaßnahmen.[1] Die Bergarbeiter beabsichtigten nun, einen nationalen Feldzug für die Durchsetzung der Reorganisationspläne durch die Regierung zu beginnen.[1] Zudem solle die Vorlage für den Achtstundentag durch ein Gesetz für den Siebenstundentag ersetzt werden.[1] Sollte das Kabinett die Empfehlungen der Kohlenkommission nicht umsetzen, würden die Bergarbeiter das Land gegen die Regierung mobilisieren.[1] Eine Neuwahl des Parlaments, so warnte Cook, könne dann früher eintreten, als mancher erwartet.[1]

Trotz dieser kämpferischen Erklärung verliert die Front der Streikenden deutlich an Geschlossenheit.[1] Die Taktik der Grubenbesitzer zeigt Wirkung, da der monatelange Ausstand die Reihen der Arbeiterschaft stark zermürbt hat.[1] Weder die Gewerkschaftskassen noch die Stimmung der Arbeiter waren auf eine so lange Dauer des Konflikts ausgerichtet.[1] Die Unterstützungsgelder von außen fließen nur spärlich, und die eigenen Kassen sind derart erschöpft, dass die wöchentlichen Unterstützungen immer weiter herabgesetzt werden mussten.[1] Cook hatte noch in einer jüngsten Rede den Grubenbesitzern eine sogenannte „Aushungerungstaktik“ vorgeworfen und der Regierung eine Mitschuld gegeben.[1] Inzwischen hat die Gewerkschaftsführung ihre Kontrolle über die Arbeiterschaft weitgehend eingebüßt.[1] Jeden Tag kehren Bergarbeiter entgegen den Anweisungen ihrer Führung in großer Zahl in die Betriebe zurück.[1] In einigen Bezirken hat bereits 70 Prozent der gesamten Belegschaft die Arbeit wieder aufgenommen.[1]

Immer häufiger werden in einzelnen Regionen Abmachungen außerhalb der offiziellen Gewerkschaftspolitik geschlossen. In Mansfield in der Grafschaft Nottinghamshire fand eine Konferenz zwischen den Direktoren mehrerer Grubengesellschaften und etwa 100 Bergarbeiterdelegierten statt.[1] Das Ergebnis war die Annahme eines Vorschlags, der einen siebenstündigen Arbeitstag bei Vorstreiklöhnen vorsieht.[1] Beteiligte Gesellschaften beschäftigen gemeinsam 12.000 bis 14.000 Arbeiter.[1] Nach Angaben der China Mail haben auch weitere Gruppen in Nottinghamshire die Bedingungen der Besitzer für siebeneinhalb Stunden bei alten Löhnen akzeptiert.[4] Daraufhin haben die Besitzer in Derbyshire beschlossen, ihre Gruben zu denselben Bedingungen wieder zu öffnen.[4]

Die Unzufriedenheit über den schleichenden Niedergang des Streiks entlädt sich in einigen Gegenden in tätlichen Auseinandersetzungen. In der Nähe einer Grube bei Southport kam es am gestrigen Tage zu schweren Unruhen. Dabei wurde die Polizei von streikenden Bergarbeitern mit Steinen beworfen, und drei Personen wurden in einen Kanal gestoßen.[1]

Die britische Regierung verhält sich trotz der Zuspitzung der Lage zurückhaltend.[1] Zwar ist in Arbeitskreisen die Ansicht verbreitet, das Kabinett werde nun eingreifen, doch lassen die letzten offiziellen Erklärungen dies nicht erkennen.[1] Die Regierung beharrt darauf, eine Vermittlung erst dann zu erwägen, wenn beide Parteien explizit darum bitten.[1] Nach dem vollständigen Scheitern der gestrigen Konferenz schwinden die Hoffnungen auf eine baldige Beilegung des Arbeitskampfes zusehends.[1]