Die internationale Diplomatie sieht sich im Vorfeld der Völkerbundtagung mit einer unvorhergesehenen Zuspitzung der marokkanischen Frage konfrontiert. Das plötzliche Verlangen des spanischen Ministerpräsidenten Primo de Rivera, die internationale Zone von Tanger in das spanische Marokko einzugliedern, hat in den europäischen Hauptstädten erhebliche Beunruhigung ausgelöst.[1][2] Nach Angaben des Pariser Matin steht die Forderung Spaniens auf Annexion der Stadt in engem Zusammenhang mit den Madrider Bemühungen um einen ständigen Sitz im Völkerbundrat.[1] Die spanische Regierung versucht offenbar, der Welt zu zeigen, dass Spanien eine erstklassige Macht ist, der eine ständige Vertretung im Rat zukommt.[2] In einflussreichen Londoner Kreisen wächst zudem die Besorgnis, dass das starre Beharren Spaniens auf seinen Forderungen weitreichende Konsequenzen für die europäische Stabilität nach sich ziehen könnte.[2] Dort befürchtet man, ein Nachgeben gegenüber Madrid könne die Haltung Polens stärken und zu einem Wiederaufflammen des alten Gegensatzes zwischen Frankreich und Deutschland führen.[2]

In Tanger selbst droht derweil eine unmittelbare revolutionäre Gefahr.[2] Wie der Figaro unter Berufung auf englische Blätter meldet, ist ein Generalstreik angekündigt, welcher seine Ursache in der Unzufriedenheit sowohl der europäischen als auch der einheimischen Bevölkerung mit der internationalen Verwaltung hat.[3] Die europäischen Einwohner der Küstenstadt äußern ihren Unmut durch Streiks; dabei soll sich laut englischen Presseberichten in diesen Kreisen auch kommunistischer Einfluss zeigen.[1] Nach Berichten der Westminster Gazette haben die Stämme außerhalb der Stadtzone Sympathie für die Streikenden bekundet und mit einem Einmarsch in Tanger gedroht.[2][3] Das Konsularkorps ist bereits zu einer Dringlichkeitssitzung zusammengetreten, da die örtliche Polizei offenbar nicht zur Aufrechterhaltung der Ordnung ausreicht.[2] In dieser kritischen Lage soll Primo de Rivera angeboten haben, spanische Truppen zum Schutz des Privateigentums nach Tanger zu entsenden.[2] Die im Hafen liegenden britischen, spanischen und französischen Kriegsschiffe sind über die Lage unterrichtet und in Alarmbereitschaft versetzt worden.[2][3]

Die erneute Thematisierung des Tangerproblems durch Madrid erscheint umso überraschender, als Primo de Rivera noch vor einem Monat bei seinem Pariser Aufenthalt ausdrücklich betonte, er wolle nicht auf das Tangerabkommen von 1923 zurückkommen.[1] Sein plötzlicher Gesinnungswechsel ruft in diplomatischen Kreisen Verwunderung hervor und lenkt die Aufmerksamkeit auf die Rolle Italiens.[1] Erst wenige Tage vor der Unterzeichnung des jüngsten spanisch-italienischen Vertrages hatte Mussolini in London und Paris den Wunsch kundtun lassen, Italien möge zu künftigen Beratungen über Tanger hinzugezogen werden.[1] Dieser Vorstoß des Duce fand wenig Anklang, und die britische Presse vermutet nun, das Abkommen zwischen Rom und Madrid könne Geheimklauseln enthalten, die auf eine Beunruhigung des Mittelmeerraums abzielen.[1][2] Zugleich macht die spanische Seite geltend, eine Verbesserung des stark geschwächten Handels in Tanger sei erst möglich, wenn die Stadt mit ihrem natürlichen Hinterland wieder verbunden sei.[1]

Die italienische Regierung bestreitet jedoch nachdrücklich eine gemeinsame Aktion.[4] Wie eine leitende Persönlichkeit des römischen Außenamtes gegenüber Vertretern der Auslandspresse erklärte, seien die Äußerungen Riveras über Tanger auch für Italien völlig überraschend gekommen.[4] Tanger interessiere Rom nur, solange es international verwaltet werde.[4] Die italienische Delegation werde ohne fest umrissenes Programm nach Genf reisen und wolle alle Ansprüche gleichmäßig unterstützen — im Gegensatz zu Frankreich, das Polen, und England, das Spanien begünstige.[4]

Die Regierungen in London und Paris nehmen vorerst eine abwartende Haltung ein. In einer vom Vorwärts zitierten Stellungnahme des Petit Parisien wird darauf verwiesen, dass den Äußerungen des spanischen Diktators bislang keine diplomatischen Schritte gefolgt sind.[5] Sollte ein offizielles Ansuchen gestellt werden, werde Frankreich dies angesichts der erfolgreichen französisch-spanischen Zusammenarbeit in Marokko mit großem Entgegenkommen prüfen.[5] Dennoch hält man in Paris streng am Vertragstext von 1923 fest; eine Revision des Tanger-Statuts könne nicht das Recht eines einzelnen Staates sein, sondern bleibe das Vorrecht aller Signatarmächte.[1] Auch die Londoner Times erklärt klar, sie könne den einseitigen Anspruch Spaniens auf Tanger nicht unterstützen.[2]