In der Kommunistischen Partei Deutschlands vollzieht sich ein radikaler politischer Schnitt, der weite Kreise der Mitgliedschaft erschüttern dürfte. Wie die Rote Fahne mitteilt, hat das Zentralkomitee am Donnerstag den Ausschluss einer ganzen Reihe prominenter linker Parteiführer beschlossen.[1] Zu den Ausgeschlossenen zählen neben Arkadi Maslow und Ruth Fischer auch der Reichstagsabgeordnete Karl Tiedt sowie die preußischen Landtagsabgeordneten Lossau und Loquingen.[2][1] Soweit die Betroffenen noch parlamentarische Mandate innehaben, wurden sie unmissverständlich aufgefordert, diese unverzüglich niederzulegen.[1]

Der Entscheidung ging offenbar ein harter interner Machtkampf voraus. Nach Berichten des Hamburger Echo stimmten die Zentralemitglieder Urbahns und Schlecht ausdrücklich gegen den Parteiausschluss.[3] Die Begründung der KPD-Führung für den Hinauswurf fällt äußerst lang und scharf aus. Maslow, Fischer, Lossau und Loquingen wird vor allem das Bündnis mit dem bereits verstoßenen Karl Korsch zur Last gelegt. In der Parteipresse wird Korsch als „Arbeiterverräter“ gebrandmarkt.[3][2] Die Ausgeschlossenen hätten mit Korsch nicht nur ideologisch sympathisiert, sondern auch ein festes organisatorisches Bündnis geschlossen. Ziel sei gewesen, eine eigene Fraktion aufzubauen und diese parteizerstörende Tätigkeit auf zahlreiche Bezirksorganisationen auszudehnen.[2] Ein Sonderfall ist dem Vorwärts zufolge der Abgeordnete Tiedt: Er verweigerte einem Ultimatum des Zentralkomitees, die Herausgabe der Zeitschrift Die Ehelosen einzustellen, und wurde deshalb gemaßregelt.[2][4]

Die Vorgänge in der deutschen Hauptstadt stehen in engstem Zusammenhang mit der politischen Entwicklung in der Sowjetunion. Wie die Badische Presse aus informierten Kreisen entnimmt, ist der sowjetische Spitzenfunktionär Bucharin im direkten Auftrag Stalins in Berlin eingetroffen.[4] Er soll angewiesen worden sein, die endgültige Maßregelung der oppositionellen Führer in Deutschland rigoros durchzusetzen.[4]

Die sozialdemokratische Presse kommentiert den Vorgang mit schonungsloser Schärfe. Laut dem Vorwärts gleicht die KPD zunehmend einer Anstalt zur Fabrikation von „Agenten der Bourgeoisie“.[2] Ehemalige Leitfiguren der Bewegung, die gestern noch als Gralshüter galten, werden heute als „unwürdige Kapitulanten“ und „bewusste Hetzredner gegen die Sowjetrepublik“ verstoßen.[3][2] Das Hamburger Echo mutmaßt spöttisch, die Partei hacke sich den Schwanz stückweise ab — beständig sei bei den Kommunisten nur noch der personelle Wechsel.[3] Zuerst, so erinnert der Vorwärts, hätten die Anhänger der KAPD die KPD verlassen; später sei Paul Levi umgekehrt, und nun ende ein weiteres Dutzend ehemals gefeierter Führer im politischen Abseits.[2] Urbahns, Schlecht und der Kandidat Schimanski stehen tatsächlich bereits als Nächste auf der Streichliste des Zentralkomitees.[2]

Ob Ruth Fischer mit ihrem lebhaften Temperament und ihrer agitatorischen Begabung eine eigene schlagkräftige Partei formen kann, ist ungewiss.[4] Dem Vorwärts zufolge wird die Spaltung die KPD zwar organisatorisch stark belasten.[2] Da die Anhängerschaft jedoch weniger durch politische Einsicht als durch den festen Glauben an das Symbol Moskau zusammengehalten werde, wird der Zerfallsprozess der Partei vermutlich langsam verlaufen.[2]