Die Vorbereitungen für die bevorstehenden Sitzungen des Völkerbundes in Genf werfen ihre Schatten voraus und lassen erkennen, dass die anstehenden diplomatischen Hürden keineswegs geringer geworden sind. Wie wir erfahren, ist bei der Reichsregierung inzwischen die telegrafische Einladung des Generalsekretärs des Völkerbundes zur Teilnahme an den Beratungen der Studienkommission eingetroffen, die am 30. August beginnen sollen.[1] Den diplomatischen Bemühungen Berlins, eine Vorverlegung dieses Termins zu erreichen, war zuvor kein Erfolg beschieden.[1] Es gilt als wahrscheinlich, dass Botschafter von Hösch (von Hoesch) die deutsche Regierung allein vertreten wird, während Ministerialdirektor Gauß (Gauss) in Berlin verbleibt.[1] Da Deutschland noch nicht offiziell Mitglied der Genfer Liga ist, werden sich die deutschen Vertreter bei Diskussionen über Umorganisationen innerhalb des Völkerbundes voraussichtlich strikte Zurückhaltung auferlegen.[1] Der Prüfungsausschuss des Völkerbundrates wird, nachdem nun auch die englische Einwilligung vorliegt, ebenfalls am 30. August zusammentreten.[2] Am Rande dieser politischen Hauptfragen hat zudem der Sachverständigenausschuss der großen Nachrichtenbüros seine Arbeit aufgenommen. Dieser Ausschuss prüft zurzeit vorrangig Fragen des Urheberrechts und der internationalen Pressezusammenarbeit.[2]

Ein zentrales Problem bleibt jedoch die ungeklärte Frage der ständigen Ratssitze — eine Kontroverse, die den gesamten Locarno-Friedensprozess zu gefährden droht.[3] Die Washington Post berichtet aus diplomatischen Kreisen, Deutschland werde nicht nur die im März angebotenen Bedingungen ablehnen, sondern überhaupt keine Delegierten nach Genf entsenden, falls der ständige Ratssitz nicht gemäß der Vereinbarungen von Locarno verbindlich zugesichert werde.[3] Reichskanzler Marx hegt zwar den aufrichtigen Wunsch nach Frieden, jedoch erwartet das deutsche Volk, dass die feierlichen Abmachungen respektiert würden. Andernfalls werde es sich ebenso entschieden vom Völkerbund abwenden wie das amerikanische Volk.[3]

Dem Harburger Tageblatt zufolge hat eine leitende Persönlichkeit des römischen Außenamtes der Auslandspresse gegenüber klargestellt, dass Italien ohne festes Programm nach Genf reisen und alle Ansprüche gleichmäßig unterstützen wolle.[1] Die italienische Diplomatie, die von den spanischen Forderungen nach Tanger überrascht wurde, sieht diese Angelegenheit nur unter dem internationalen Gesichtspunkt als bedeutsam an.[1] Im Gegensatz dazu äußern einflussreiche Londoner Kreise erhebliche Besorgnis über das Beharren Spaniens auf einem ständigen Ratssitz.[4] Nach Angaben der Wiener Zeitung wird befürchtet, dass die spanische Haltung Polen bestärken und unter dem französischen Kabinett Poincaré zu neuen Reibungen mit Deutschland führen könnte.[4] Der Versuch des spanischen Diktators Primo de Rivera, die Einverleibung Tangers in die spanische Marokkozone als Beweis für Spaniens Großmachtstellung zu nutzen, stößt in der britischen Hauptstadt auf scharfe Ablehnung.[4] Die englische Linkspresse vermutet darüber hinaus geheime Klauseln in einem kürzlich geschlossenen spanisch-italienischen Vertrag, die die bisherige Stabilität im Mittelmeerraum beeinträchtigen könnten.[4]

Unterdessen gewinnt die Genfer Abrüstungsfrage in den Vereinigten Staaten bereits an Bedeutung. In Kreisen der Regierung in Washington wird einer kürzlich gehaltenen Rede von Außenminister Kellogg in Plattsburgh besondere Beachtung geschenkt.[1] Die Rede gilt als Antwort auf europäische Gerüchte, Washington könne sich von der Genfer Versammlung zurückziehen.[1] Kellogg wollte klarstellen, dass die Vereinigten Staaten nicht für ein mögliches Scheitern der Genfer Sachverständigengespräche verantwortlich gemacht werden dürften.[1] Wie amerikanische Medien berichten, könnte Präsident Coolidge im Falle eines völligen Scheiterns in Genf einen eigenen Kongress unter der Schirmherrschaft Amerikas vorschlagen; die Grundzüge dafür wurden bereits in Kelloggs Ansprache umrissen.[1]