In den vergangenen Tagen beschäftigte eine Flut von dramatischen Meldungen über die inneren Zustände der Sowjetunion die europäische Öffentlichkeit. Wie die Madrider Zeitung El Sol berichtet, haben Kreise, die beständig antisowjetische Gerüchte verbreiten, weitreichende Behauptungen in Umlauf gebracht.[1] Demnach sei es zu einer offenen Rebellion der Schwarzmeerflotte sowie zur Meuterei ganzer Regimenter gekommen.[1] Ferner wurde behauptet, dass führende Köpfe der parteiinternen Opposition — darunter Sinowjew, Laschewitsch, Sokolnikow und sogar Trotzki — bereits inhaftiert worden seien.[1] Diese Darstellungen erweisen sich jedoch als haltlos. Trotzki hält sich weiterhin unbehelligt in Moskau auf und übt seine gewohnten Tätigkeiten aus.[1]
Dennoch durchlebt die russische Kommunistische Partei eine ernsthafte innere Krise. Der Kern des Konflikts liegt in der scharfen Auseinandersetzung, die derzeit zwischen dem Parteizentrum und der linken Opposition geführt wird.[1] Die Spannungen stehen in engem Zusammenhang mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten, denn der ehrgeizige Wirtschaftsplan macht pragmatische Entscheidungen erforderlich.[1] Die Opposition wirft dem Zentrum vor, mit dieser staatspolitischen Linie die revolutionären Ideale zu verraten. Sie fordert stattdessen die Rückkehr zu einer „reinen Arbeiterpartei“.[1] Das Zentralkomitee stützt sich derweil auf die breite Masse der Parteimitglieder und verteidigt seine Politik entschlossen gegen alle Kritiker.[1]
Die Erschütterungen dieser russischen Parteikrise wirken sich unmittelbar auf die europäischen Sektionen aus. Besonders in Deutschland treten nun die innerparteilichen Konflikte der Kommunistischen Partei offen zutage.[1] Aus Berlin wird gemeldet, dass die Krise innerhalb der deutschen Kommunistischen Partei einen neuen Höhepunkt erreicht hat.[1] Laut El Sol ist am gestrigen Tage offiziell der Ausschluss von vier führenden Parteifunktionären aus der kommunistischen Bewegung bekanntgegeben worden.[1] Zu den Ausgeschlossenen zählt auch die bekannte Reichstagsabgeordnete Ruth Fischer.[1] Mit diesem Schritt will die Parteiführung in Berlin oppositionelle Bestrebungen im Sinne der moskautreuen Parteilinie unterdrücken.