Die für den 30. August einberufene Tagung der Genfer Studienkommission wird die bedeutsame Entscheidung über den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund bringen.[1] Vor diesem Gremium werden alle bestehenden Meinungsverschiedenheiten zwischen den europäischen Mächten zum Austrag gelangen. Die deutsche Regierung kann daher absehen, welchen Einfluss die Beschlüsse auf die große Völkerbundversammlung im September ausüben werden.[1] Der Generalsekretär des Völkerbundes versandte die offiziellen Einladungen zu dieser zweiten Lesung, nachdem er sich zuvor des Einverständnisses der Vorsitzenden des Völkerbundrates und der Studienkommission versichert hatte.[2]

Im Mittelpunkt der diplomatischen Bemühungen steht die ungeklärte Frage der ständigen Ratssitze. Die Ansprüche Spaniens und Polens sind bisher nicht zurückgezogen worden. Es gilt als unwahrscheinlich, dass diese Mächte noch vor Beginn der Beratungen auf ihre Forderungen verzichten.[1] Von keinem verantwortlichen Staatsmann dieser Länder, zu denen sich auch China gesellt, liegen Verzichtserklärungen vor.[3] Die Studienkommission wird voraussichtlich erneut die Vorschläge von Lord Robert Cecil erörtern, die bereits dem Beschluss der Maitagung zugrunde lagen.[1] Die Situation würde vor allem dann interessant, wenn die Studienkommission keine einheitliche Auffassung erzielt und sowohl einen Mehrheits- als auch einen Minderheitsbericht vorlegt.[3] Ein solches Scheitern der Kommission würde dem Völkerbundrat erhebliche Schwierigkeiten bereiten, da er der Vollversammlung eigentlich einen einstimmigen Beschluss vorlegen soll.[3]

Die Situation Spaniens verschärft sich. Nach in Paris eingetroffenen Meldungen der Neuen Freien Presse ist sogar mit dem Austritt Spaniens aus dem Völkerbund zu rechnen.[3] In spanischen Regierungskreisen hat sich die Auffassung durchgesetzt, einen ständigen Sitz im Völkerbundrat fordern zu müssen, obwohl kaum auf die Erfüllung dieser Forderung gehofft wird.[3] Die diplomatischen Bemühungen Madrids, die auch die Tangerfrage betreffen, fanden in San Sebastian einen gewissen Abschluss.[3] Nun ruhen Hoffnungen auf dem Ergebnis der persönlichen Besprechungen, die der französische Außenminister Briand in Paris mit Vertretern Polens, Spaniens und Italiens fortführt.[3] Hervorzuheben ist die Rolle Roms: Der spanische Anspruch auf einen Ratssitz wird von Italien infolge des italienisch-spanischen Freundschaftsvertrages unterstützt.[2]

Der Konflikt erhält eine neue Ausrichtung durch das Eintreten Frankreichs für Polen. Dem Westfälischen Merkur zufolge herrscht in diplomatischen Kreisen die Überzeugung, dass eine große, von Paris gesteuerte Pressekampagne zugunsten eines polnischen Sitzes amtlich veranlasst ist.[2] Spanien dient in diesem Zusammenhang als Vorfeld der französischen Diplomatie, um Polens Wünsche durchzusetzen.[2] Die polnische Regierung bereitet sich auf die Verhandlungen vor. Die Abordnung für Genf wird aus Außenminister Zaleski, dem diplomatischen Vertreter in Danzig, Strasburger, und dem ständigen Völkerbundvertreter Sokal bestehen.[2] Als Stellvertreter wurden unter anderem der Berner Gesandte Modzelewski und Departementsdirektor Jackowski benannt, der als ausgezeichneter Kenner der deutschen Verhältnisse gilt.[2]

Für die deutsche Regierung bedeutet die Annahme der Einladung zur Studienkommission noch keine Vorentscheidung über den tatsächlichen Beitritt.[2] Dennoch fordert besonders die englische Presse von ihrer Regierung äußerste Entschlossenheit. Aus Londoner Zeitungen geht hervor, dass man Spanien eher nicht berücksichtigen solle, als den Eintritt Deutschlands zu gefährden.[2] Eine erneute Verzögerung der Aufnahme könnte den Völkerbund in eine ernste Krise führen, die seinen Zerfall bewirken könnte.[2] Auch die kleineren Mächte werden sich bemühen, die Bedingungen für die nichtständigen Ratssitze zu verbessern. Dies dürfte wesentliche Verschiebungen in der gesamten Angelegenheit zur Folge haben.[1]

Trotz der tiefgreifenden Differenzen herrscht im Genfer Generalsekretariat weiterhin eine optimistische Stimmung.[3] Die glatte Aufnahme Deutschlands wird dort als so sicher betrachtet, dass sie in einem provisorischen Programm bereits für den Vormittag des 7. September vorgesehen ist.[2] Es wird fest damit gerechnet, dass der Völkerbundrat im Laufe seiner am 3. September beginnenden Tagung feststellen wird, dass keine unüberwindbaren Hindernisse für die Bewilligung eines ständigen Ratssitzes an das Deutsche Reich mehr bestehen.[2]