Die diplomatische Ruhe des Spätsommers ist durch einen unerwarteten Vorstoß der spanischen Regierung jäh durchbrochen worden. Wieder einmal steht der internationale Status der Stadt Tanger im Mittelpunkt der europäischen Kabinettspolitik. Wie der Figaro in Erinnerung ruft, war das Tangerproblem erst im Dezember 1923 nach langen Verhandlungen zwischen Frankreich, Großbritannien und Spanien durch ein neues Abkommen geregelt worden.[1] Dieses Statut, das die internationale Verwaltung der Zone verankerte und an die Bestimmungen der Algeciras-Akte anknüpfte, wird nun von einer der damaligen Signatarmächte vehement in Frage gestellt.[1]

Den unmittelbaren Anstoß zu der gegenwärtigen Aufregung gab der spanische Ministerpräsident Primo de Rivera durch ein aufsehenerregendes Pressegespräch mit der Madrider Zeitung A.B.C., in dem er die Einverleibung Tangers in die spanische Protektoratszone als zwingende Notwendigkeit bezeichnete.[1] Auf diesen Appell an die Öffentlichkeit folgten rasch diplomatische Schritte in den Hauptstädten der europäischen Großmächte. Der spanische Botschafter Quiñones de León wurde in Paris von Außenminister Aristide Briand zu einer längeren Unterredung empfangen, in der er die Madrider Forderungen offiziell erläuterte.[2][1] Nach Berichten des Matin versicherte der Botschafter, Spanien wolle die Souveränität des marokkanischen Sultans in der internationalen Zone nicht antasten.[2] Die spanische Regierung verlange lediglich eine vorherrschende Stellung in der Verwaltung des Hafens und der angrenzenden Gebiete, da dies für die militärischen Aktionen im Rifgebiet von entscheidender Bedeutung sei.[2]

Offizielle spanische Kreise bemühen sich inzwischen, den Eindruck zu zerstreuen, Madrid habe bei den jüngsten Unruhen unter der Bevölkerung von Tanger die Hand im Spiel gehabt.[2] Eine Änderung des Regimes und eine Vereinfachung der Verwaltungsmethoden seien zwar dringend geboten, doch eine bewusste Förderung der Agitation liege nicht in der spanischen Taktik.[2] Die Madrider Zeitung La Nacion unterstützt die Regierung mit der Erklärung, Spaniens Politik verfolge keine imperialistischen Ziele, sondern erfülle in Marokko eine internationale Pflicht.[2] Folgerichtig müsse Tanger aber zur spanischen Zone gehören.[2]

In der französischen Hauptstadt hat der Vorstoß Primo de Riveras beträchtliche Erregung ausgelöst, da man das Tangerproblem für endgültig gelöst hielt.[2] Die Pariser Morgenpresse widmet der Angelegenheit breiten Raum und spiegelt eine Mischung aus Überraschung und taktischem Kalkül wider. Der Petit Parisien stellt fest, die Forderungen seien unerwartet gekommen; Frankreich könne die spanischen Wünsche aber mit größtem Wohlwollen prüfen.[2] Das Journal attestiert der Argumentation der spanischen Regierung eine gewisse Logik. Es betont, der französische Schiffsverkehr, der die Hälfte des gesamten Verkehrs in Tanger ausmache, würde durch eine Abänderung des internationalen Regimes nicht beeinträchtigt.[2] Aus dem Avenir geht hervor, dass Briand bereits zu einem früheren Zeitpunkt in Madrid sondiert hatte, ob Spanien bereit wäre, seine Ansprüche auf einen ständigen Sitz im Völkerbundrat gegen Zugeständnisse in Tanger aufzugeben.[2] Damals habe Madrid ein solches Kompensationsobjekt abgelehnt. Heute fordere man Tanger aus eigenem Recht, was die diplomatische Lage erheblich verkompliziere.[2]

Besonders aufmerksam wird in diplomatischen Kreisen die Reaktion Großbritanniens verfolgt, wo man den spanischen Ambitionen mit ausgesprochener Zurückhaltung begegnet. In London wurde eine offizielle Erklärung des Außenministeriums veröffentlicht, wonach die spanische Regierung bislang keine weiteren förmlichen Schritte unternommen habe.[3] Die britische Diplomatie wehrt sich entschieden gegen Versuche, die Tangerfrage mit Spaniens Forderung nach einem ständigen Sitz im Völkerbundrat zu verknüpfen. Nach Angaben der britischen Regierung haben diese beiden Themen nichts miteinander zu tun und müssen streng voneinander getrennt behandelt werden.[3] Man richtet in London die ganze Aufmerksamkeit darauf, die bevorstehende Völkerbundversammlung erfolgreich abzuschließen.[3] Angelegenheiten, die nicht unmittelbar zur Aufgabe dieser Tagung gehören, sollten den Völkerbundrat nicht belasten.[3]

Die britische Presse mahnt Außenminister Austen Chamberlain derweil zu einem festen Kurs. Zahlreiche konservative Blätter fordern, Großbritannien dürfe in Genf keine untergeordnete Rolle spielen und sich nicht den Interessen anderer Mächte unterordnen.[3] Die britische Öffentlichkeit erwarte, dass der Außenminister klar die Leitung übernehme und der öffentlichen Meinung deutlich Ausdruck verleihe.[3] Dem britischen Standpunkt zufolge bedarf ein so weitreichender Vorschlag wie die Einverleibung der Tangerzone ohnehin einer internationalen Beratung aller beteiligten Mächte.[2]

Ob sich die spanischen Ansprüche mit der Aufrechterhaltung einer internationalen Organisation vereinbaren lassen, bleibt vorerst ungewiss. Der Pariser Temps hält eine solche Lösung grundsätzlich für möglich, hebt aber ebenso wie die Londoner Diplomatie hervor, dass die Tangerfrage und das Problem der Völkerbundsitze getrennt verhandelt werden müssen, da ihre Lösung in unterschiedlichen Zeiträumen erfolgen werde.[3] Primo de Rivera mag die Initiative ergriffen haben; jedoch wird die Entscheidung über das Schicksal Tangers letztlich vom Einvernehmen der Garantiemächte abhängen.