Die Hoffnungen auf eine baldige Rückgliederung der Gebiete von Eupen und Malmedy haben einen schweren Rückschlag erlitten.[1] In einer ausführlichen Verlautbarung, die durch das Wolffsche Telegrafenbüro verbreitet wurde, wehrt sich die Reichsregierung energisch gegen massierte Vorwürfe aus der ausländischen Presse.[2] Besonders einige französische Zeitungen hatten der deutschen Politik unterstellt, sie wolle die gegenwärtige finanzielle Notlage Belgiens auf erpresserische Weise ausnutzen.[2] Ziel dieser Berichterstattung sei es offenbar, durch eine gezielte Vermischung wahrer und unwahrer Nachrichten die Weltöffentlichkeit in Alarmbereitschaft zu versetzen und den deutschen Absichten zu schaden.[2] Die Reichsregierung stellt dem entgegen klar, dass bereits vor längerer Zeit zwischen deutschen und belgischen Finanzfachleuten Besprechungen über eine deutsche Mitwirkung an den internationalen Plänen zur Sicherung der belgischen Währung aufgenommen worden seien.[3] Dabei sei, ohne besondere Initiative von deutscher Seite, auch darüber gesprochen worden, ein wirtschaftliches Zusammengehen zwischen Deutschland und Belgien zu fördern, indem gleichzeitig eine Verständigung über das künftige Schicksal der Kreise Eupen und Malmedy erreicht werden sollte.[3][2]
Aus der Kölnischen Zeitung geht hervor, dass diese wichtigen Unterredungen zwischen führenden Persönlichkeiten beider Staaten stattfanden, auf deutscher Seite unter anderem mit Reichsbankpräsident Dr. Schacht, auf belgischer mit dem früheren Mitglied des Wiederherstellungsausschusses, Delacroix.[1] Ziel dieser Zusammenkünfte war nicht nur die Erleichterung der internationalen Stützung des belgischen Franken, sondern auch eine Klärung der alten Streitfrage um die in Belgien befindlichen deutschen Kriegsmarkbeträge.[1] Entgegen anderslautenden Gerüchten, wie sie unter anderem in der Pariser Ausgabe des New York Herald über eine angeblich gigantische deutsche Milliardenverpflichtung kursierten, wies das Berliner Tageblatt ausdrücklich darauf hin, dass die von Deutschland in Aussicht gestellte finanzielle Leistung in keinem direkten Zusammenhang mit einer generellen Aufwertung jener Markbestände stehe.[2][4] Die deutsche Seite drängte während der Verhandlungen nicht auf einen schnellen Abschluss; vielmehr hatten die belgischen Unterhändler selbst den bevorstehenden Monat August für eine formelle Vereinbarung ins Auge gefasst.[2] Eine maßgebliche belgische Persönlichkeit habe sogar bereits einen Besuch in Berlin angekündigt, auf den aber zuletzt verzichtet werden musste.[2]
Dass diese weit gediehenen Pläne, die nach rheinischer Einschätzung nur noch der Bestätigung durch die Kabinette bedurft hätten, schließlich fallengelassen wurden, wird dem energischen Eingreifen der Pariser Regierung zugeschrieben.[1] Nach dem Berliner Tageblatt steht außer Zweifel, dass der französische Ministerpräsident Poincaré die deutsch-belgische Verständigung im letzten Moment verhinderte.[2] Die Pariser Zeitung L’Œuvre schildert die Hintergründe: Die belgischen Minister Vandervelde und Francqui seien in Paris auf einen so entschiedenen Widerstand der französischen Regierung gestoßen, dass ihnen nichts anderes übrigblieb, als nachzugeben.[1] Die französische Regierung habe die Ansicht vertreten, dass die Lösung auch nur einer einzelnen Klausel des Versailler Vertrags unweigerlich das gesamte Vertragswerk ins Wanken bringen würde.[1] Außerdem wurde Belgien vorgeworfen, einen Fehler begangen zu haben, da es sich überhaupt auf derartige Gespräche einließ und damit die Rechtmäßigkeit seiner Ansprüche auf Eupen und Malmedy zur Diskussion stelle.[1] Infolge dieses Drucks sah sich der belgische Ministerpräsident Jaspar genötigt, amtliche Verhandlungen offiziell zu bestreiten — ein bemerkenswertes Dementi, das bei den Ministerkollegen Vandervelde und Francqui vermutlich für Verlegenheit sorgte.[2]
Während Frankreich also entschlossen die Rückgabe des Gebiets verhinderte und zugleich akzeptierte, dass sich die finanzielle Belastung für die Sanierung des belgischen Franken verlängert, nahm das offizielle England eine abwartende Haltung ein.[1] Die britische Regierung hat sich zwar nicht abschließend geäußert, ließ jedoch keinen Zweifel daran, dass sie der deutsch-belgischen Verständigung mit erheblichem Missfallen gegenübersteht.[1] Die deutsche Reichsregierung erklärte abschließend, dass ein machtpolitisches Eingreifen dritter Staaten in die friedliche Entwicklung zweier Nachbarvölker einen äußerst betrüblichen politischen Rückschritt darstelle.[2] Ein derartiges Vorgehen widerspreche dem Geist der Verträge von Locarno, deren Ziel es sei, die Westgrenzen dauerhaft zu sichern und territoriale Streitfragen endgültig dem Bereich machtpolitischer Einflussnahme zu entziehen.[2]