Moskau greift mit eiserner Hand in die zerrütteten Verhältnisse der deutschen Sektion der Kommunistischen Internationale ein. Dem Pariser Temps zufolge ist Nikolai Bucharin eigens aus der Sowjetunion angereist, um die Krise in der Kommunistischen Partei Deutschlands endgültig zu entscheiden.[1] Seinen im Vorfeld erhaltenen Instruktionen entsprechend, hat er die führenden Köpfe der sogenannten linken Opposition kurzerhand ausgeschlossen.[1] Unter den Gemaßregelten befinden sich die prominente Reichstagsabgeordnete Ruth Fischer sowie die Parteifunktionäre Arkadi Maslow, Diedt und Lossau.[1] Die beiden Letztgenannten vertreten die radikale Linke im preußischen Landtag.[1] Das offizielle Ausschlussdekret wirft den Abtrünnigen vor, eine Spaltung der Partei angestrebt und die Sache der Revolution vor den deutschen Gerichten nicht mit der nötigen Würde verteidigt zu haben.[1] Überdies erging an diese inkriminierten Parlamentarier die unmissverständliche Aufforderung, ihre Mandate unverzüglich niederzulegen.[1]
Die bürgerliche Öffentlichkeit nimmt diesen innerkommunistischen Richtungsstreit kaum noch wahr. Laut dem Vorwärts reagiert die kapitalistische Welt auf das Ringen zwischen Ernst Thälmann und Ruth Fischer eher mit jener Gelangweiltheit, die man sonst einem simplen Boxkampf entgegenbringt.[2] Für das Bürgertum stelle der Kommunismus offenbar kein ernstzunehmendes Problem mehr dar.[2] Den Schaden dieser anhaltenden Zersplitterung habe ausschließlich die deutsche Arbeiterbewegung zu tragen.[2] In den Reihen der Sozialdemokratie betrachtet man den Zerfall der kommunistischen Organisation mit einer gewissen Genugtuung.[2] Noch vor einem Jahr seien sozialdemokratische Arbeiter von den nun gestürzten Parteigrößen als 'Arbeiterverräter' und 'Agenten der Bourgeoisie' beschimpft worden.[2] Heute verwenden die Fraktionen der zerstrittenen KPD exakt dieselben Bezeichnungen gegeneinander.[2]
Nach Angaben des sozialdemokratischen Zentralorgans wurzelt der fortdauernde Konflikt in einer grundlegenden Fehleinschätzung der weltpolitischen Lage durch die Komintern. Während die Sozialdemokratie ihre geistigen Grundlagen bewahrt habe, schwanke der Kommunismus haltlos zwischen den Positionen.[2] In Moskau wisse man mittlerweile selbst, dass die weltrevolutionären Spekulationen vollständig gescheitert seien.[2] Dennoch fordere der russische Bolschewismus von den westeuropäischen Arbeiterparteien unverändert bedingungslose Unterwerfung.[2] Die Methoden eines agrarischen Bauernstaates ließen sich jedoch nicht auf die hochkapitalistische Industriewirtschaft Europas übertragen.[2] Ohne Unterlass organisiere die Kommunistische Partei weiterhin sogenannte 'Arbeiterdelegationen' nach Russland, um den Glauben an ein paradiesisches Sowjetsystem künstlich aufrechtzuerhalten.[2] Die unaufhörlichen Diktate aus der Moskauer Zentrale hätten die Abspaltungen in Deutschland erst provoziert.[2] Nach Ansicht der Sozialdemokraten habe die Kommunistische Partei letztlich nur noch eine historische Aufgabe, nämlich endgültig von der Bildfläche zu verschwinden.[2] Der Vorwärts zieht ein nüchternes Fazit: Die deutsche Sektion stelle ein vollkommen missglücktes Experiment dar. Es sei höchste Zeit, die verbliebenen Scherben abzuräumen.[2]