Die griechische Hauptstadt ist am frühen Sonntagmorgen Schauplatz eines überraschenden, aber offenbar minutiös vorbereiteten Staatsstreichs geworden.[1][2] Wie die Badische Presse meldet, hat General Kondilys (Georgios Kondylis), der Führer der nationalistischen Republikaner, in einer fast völlig unblutigen Erhebung die vierzehnmonatige Diktatur des Generals Pangalos (Theodoros Pangalos) beseitigt.[1][3] Die militärische Aktion begann in der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag. Sie stieß in Athen und in den Provinzen auf erstaunlich wenig Widerstand.[1]

Gegen drei Uhr morgens verließen die Truppen der Athener Garnison sowie ausgewählte Abteilungen der republikanischen Garde ihre Kasernen.[2] Sie drangen in die Innenstadt ein und besetzten handstreichartig das Post- und Telegrafenamt sowie das Kriegsministerium und andere wichtige Behörden.[2] Zu diesem Zeitpunkt war das militärische Schicksal des alten Regimes bereits besiegelt.[2] Der bisherige Kriegsminister, General Tserulis, der sich angesichts der nächtlichen Unruhe zur Kaserne der als regierungstreu geltenden republikanischen Garde begeben wollte, sah sich plötzlich den Anführern des Aufstandes gegenüber.[2] Er wurde auf der Stelle verhaftet.[2] Auch der frühere Unterstaatssekretär Makris wurde in Gewahrsam genommen.[1][4] Eine bemerkenswerte Ausnahme bildete zunächst der Oberst Wuzinas (Voutsinas), der sich mit seinem Bataillon auf dem Berg Lykabettos verschanzte.[4] Er musste sich jedoch nach kurzer Zeit bedingungslos ergeben.[4]

Die Bevölkerung der Metropole erfuhr von dem raschen Regierungswechsel erst, als gegen sieben Uhr morgens Militärflugzeuge über Athen kreuzten.[2][3] Sie warfen Flugblätter ab, in denen General Kondilys den Sturz der bisherigen Gewaltherrschaft verkündete und die rasche Wiederherstellung der verfassungsmäßigen Freiheiten in Aussicht stellte.[1][2] Dem Vorwärts zufolge verbreitete die Nachrichtenagentur Agence d’Athènes bald darauf eine amtliche Meldung, wonach Volk und Armee die Diktatur einstimmig gestürzt hätten.[1] In der Stadt herrschte rasch wieder vollkommene Ruhe; die öffentlichen Dienste arbeiten nach Regierungsangaben normal weiter.[1][4]

Während der Machtwechsel in der Hauptstadt reibungslos vonstatten ging, entwickelte sich die Festnahme des gestürzten Diktators zu einem dramatischen Zwischenfall.[5][3] General Pangalos hatte sich zur Sommerfrische auf die Insel Spetsai (Spetses) begeben.[5][1] Als der Befehl zu seiner Verhaftung dort eintraf, stieß er zunächst auf den erbitterten Widerstand des regierungstreuen Flottillenkommandeurs Kapitän Kolialexis.[5][4] Laut dem Berliner Tageblatt versuchte Pangalos daraufhin, an Bord des Torpedobootszerstörers Pergamos zu entkommen.[4][3] Die neue Athener Führung entsandte umgehend Kriegsschiffe, darunter den Zerstörer Leon und das Kriegsschiff Kiklis, unterstützt von militärischen Seeflugzeugen, um den flüchtigen Diktator abzufangen.[4][3] Nach einer Verfolgungsjagd wurde die Pergamos eingeholt.[5][4][3] Pangalos wurde schließlich verhaftet, auf die Leon überführt und unter strenger Bewachung in den Hafen von Keratsini gebracht.[4] Kapitän Kolialexis hat inzwischen abgedankt, womit die letzte militärische Stütze des alten Systems zusammengebrochen ist.[4] Kondilys erklärte gegenüber der Presse, dass gegen Pangalos und seine engsten Mitarbeiter unverzüglich ein Gerichtsverfahren eingeleitet werde.[3]

Den politischen Neuanfang soll nun eine angesehene Repräsentationsfigur der gemäßigten Republikaner sichern. Nach Angaben des Nieuwe Rotterdamsche Courant hat Kondilys den früheren Staatspräsidenten, Admiral Konduriotis, der sich auf der Insel Hydra aufhielt, gebeten, sein Amt wiederaufzunehmen.[5][3] Konduriotis, ein überzeugter Befürworter geordneter parlamentarischer Verhältnisse, hat die Aufforderung bereits angenommen und wird noch am Abend in Athen erwartet.[5][4] Unmittelbar nach seiner Ankunft soll die Frage der Kabinettsbildung endgültig gelöst werden.[1] Kondilys plant offenbar, bis auf Weiteres selbst den Posten des Ministerpräsidenten einer Übergangsregierung zu übernehmen.[2][3] Binnen acht Monaten, so verspricht das neue Regime dem Volk, sollen in vollkommener Freiheit allgemeine Wahlen stattfinden.[5][2]

Der Umschwung kommt für aufmerksame Beobachter der griechischen Verhältnisse nicht unerwartet. Die amerikanische Washington Post meldet, dass der Staatsstreich bereits seit gut einem Monat in Vorbereitung gewesen sei.[6] Erst vor wenigen Wochen hatte Pangalos die früheren Ministerpräsidenten Kaphandaris (Georgios Kafandaris), Papanastasiu (Alexandros Papanastasiou) und Michalokopulos (Andreas Michalakopoulos) unter dem Vorwurf subversiver Umtriebe verhaften und verbannen lassen.[6] Auch der ehemalige Oberbefehlshaber General Papulas (Anastasios Papoulas) zählte zu den Gefangenen des Regimes, nachdem er die Diktatur in einem Oppositionsblatt scharf angegriffen hatte.[5][4] Eine der ersten Amtshandlungen des Generals Kondilys war folgerichtig die sofortige Freilassung all dieser politischen Gefangenen.[2][4]

Das nun gestürzte System war seinerseits am 25. Juni 1925 durch einen militärischen Staatsstreich an die Macht gekommen.[5] Die Unzufriedenheit im Land war seither stetig gewachsen, zumal eine anhaltende und schwere Wirtschaftskrise das Land zusehends belastete.[2][3] Zudem hatte sich Pangalos durch seine eiserne Zensur und die willkürliche Unterdrückung politischer Regungen selbst bei ehemaligen Freunden verhasst gemacht.[1][3] Das Hamburger Echo betont, dass die Gegner der Diktatur diese Missstände geschickt nutzten, um im Heer und in der Flotte Anhänger zu sammeln.[2] Die einmütige Unterstützung der Garnisonen von Saloniki, Patras und der gesamten Marine belegt, wie isoliert der Diktator in seinen letzten Tagen war.[1][2][3]

Außenpolitisch bemüht sich das neue Kabinett um rasche Beruhigung und Vertrauensbildung. In einer amtlichen Erklärung betonte General Kondilys ausdrücklich seine „herzlichsten Gefühle“ für Serbien, an dessen Seite er bereits im Jahre 1916 zur Verteidigung des griechisch-serbischen Bündnisses gekämpft habe.[1][4] Ebenso versicherte er den großen Alliierten seine unverminderte Loyalität.[1][4] Neben der Gesundung der nationalen Währung gilt die Wiederherstellung einer gerechten Justizverwaltung als vordringliches Ziel der neuen Regierung.[1][7]

Die niederländische Auslandpresse verweist auf die tieferen strukturellen Probleme des Landes. Seit 1922 hat Griechenland nunmehr vier gewaltsame Erhebungen durchlebt — beginnend bei der Absetzung König Konstantins über den gescheiterten Putsch des Generals Metaxas im Herbst 1923 bis zur Vertreibung Georgs II. und schließlich zur nun beendeten Diktatur Pangalos.[5] Ob die neue Militärregierung ihr Versprechen hält und die im April 1924 ausgerufene republikanische Verfassung tatsächlich zu dauerhaftem Leben erweckt, wird die unmittelbare Zukunft weisen müssen.[5]