Die schlesische Hauptstadt stand am vergangenen Wochenende ganz im Zeichen der 65. Generalversammlung der deutschen Katholiken.[1] In beeindruckender Weise manifestierte sich die Stärke des deutschen Katholizismus, als sich Zehntausende Gläubige aus allen Teilen des Reiches einfanden, um an den feierlichen Gottesdiensten und Versammlungen teilzunehmen.[2][1] Der Höhepunkt der Veranstaltung, der sonntägliche Festgottesdienst im Freien an der Nordseite der Jahrhunderthalle, vereinte nach Schätzungen des Berliner Tageblatts rund 80.000 Männer und 20.000 Frauen auf dem weiten Festplatz.[1]
Schon am frühen Sonntagmorgen wurde Breslau lebendig.[2] Von sechs Uhr an zogen katholische Organisationen, getrennt in vier gewaltigen Abteilungen, durch die langen Straßen der Stadt zu den Sammelplätzen.[2][1] In den Reihen marschierten die studentischen Verbände des C. V., K. V. und U. V. mit ihren Standarten, gefolgt von ungezählten kaufmännischen Vereinen, Handwerkervereinen, Gesellenvereinen und Arbeitervereinen.[2][1] Gegen tausend Fahnen hatten Aufstellung genommen, als der Zug in musterhafter Ordnung Scheitnig erreichte.[1] Der Altar, schlicht und einfach gehalten, wurde von einem breiten Baldachin überkrönt und war mit zwei schweren silbernen Barockleuchtern aus dem Breslauer Domschatz geschmückt.[2][1]
Unter dem Altar hatten sich hohe geistliche Würdenträger versammelt, darunter der Meißner Bischof Schreiber, Bischof Berning aus Osnabrück, Abt Schmidt aus Grüssau und Abt Cölestin Mater von Schwaigelberg.[2] Als gegen zehn Uhr der päpstliche Nuntius Eugenio Pacelli und der Breslauer Fürstbischof Kardinal Bertram feierlichen Einzug hielten, setzte das Spiel der Musikkapellen ein. Ein Riesenchor stimmte kirchliche Lieder an.[1] Kardinal Bertram hielt die Festpredigt, deren Leitgedanke die Anbetung, der Dank und die Bitte an den König Jesus Christus war.[1] Dank vorzüglicher Lautsprecher war es möglich, dass alle Teilnehmer die Worte des Kardinals verstanden.[1] Anschließend las der Vertreter des Papstes, Nuntius Dr. Pacelli, die Heilige Messe. Bei der Wandlung kniete die ungeheure Masse von 100.000 Menschen ehrfürchtig nieder.[1][3] Die erhabene kirchliche Feier schloss mit dem gemeinsamen Gesang des Dankliedes „Großer Gott, wir loben dich“ und dem Segen des Nuntius.[1][4]
Bereits der Samstagabend hatte mit dem Begrüßungsabend in der neuen großen Halle des Messehofes einen glänzenden Auftakt geboten.[2] Unter donnerndem Beifall trat der Abgeordnete Herold an das Rednerpult.[2] Als Vertreter der westfälischen Katholiken wünschte er, dass die Versammlung im nächsten Jahr in der roten Erde Westfalens stattfinden möge.[2] Dem schlossen sich weitere Ansprachen an; so sprachen, beifällig aufgenommen, Vertreter der Katholiken aus New York, Tirol und Rumänien.[2] Musikalisch wurde der festliche Abend von den vereinigten Kirchenchören umrahmt, die unter anderem Thiels Komposition „Die Seele vor der Himmelstür“ und Kienzels „Das Volkslied“ zu Gehör brachten.[2] Ein besonderer Höhepunkt war der Hymnus an Maria aus Dantes La Divina Comedia in einer Vertonung von Cichy, dargeboten mit einem Baritonsolo des Breslauer Opernsängers Richard Groß, der den Begrüßungsabend stimmungsvoll beschloss.[2]
Im Anschluss an den sonntäglichen Gottesdienst trat am Nachmittag die erste geschlossene Versammlung zusammen.[1] Nach dem Bericht des Lokalkomitees vollzog sich die Wahl des Präsidiums. Einstimmig wurde der Düsseldorfer Landeshauptmann Dr. Horion zum ersten Präsidenten des Katholikentages gewählt.[1][4] Das Amt des ersten Vizepräsidenten fiel an den Grafen Neipperg, zweiter Vizepräsident wurde der Gewerkschaftssekretär und Zentrumsabgeordnete Kiefer aus Saarbrücken.[1][3] Bemerkenswert ist die Wahl der Zentrumsabgeordneten Frau Wronka aus Allenstein zur dritten Vizepräsidentin.[1]
Dem Wunsch der westfälischen Delegierten wurde wenig später entsprochen: Die nächste Generalversammlung wird 1927 in Dortmund stattfinden.[1] Reichsratsmitglied Dr. Lensing sprach im Namen des Paderborner Bischofs und der Stadt Dortmund den Dank für diese Entscheidung aus.[2] Fürst Alois zu Löwenstein, der Präsident des Zentralkomitees, erwiderte daraufhin humorvoll, Lensing habe zwar alle Vorzüge Dortmunds gepriesen, aber vergessen zu erwähnen, dass es dort einen Lambert Lensing gebe.[2] Als nachträgliches Geburtstagsgeschenk für diesen Vorkämpfer des Katholizismus, so führte er an, würden die Gläubigen gewiss zahlreich nach Dortmund reisen.[2]
Besondere Aufmerksamkeit widmete die Versammlung der römischen Frage.[1] Auf Vorschlag des Zentralausschusses wurde eine Entschließung angenommen. Darin forderten die Delegierten in gewollter Übereinstimmung mit der Enzyklika Ubi arcano des Heiligen Vaters, dass das oberste Hirtenamt der Kirche keiner menschlichen Gewalt untertan erscheine, sondern ganz und gar eigenes Recht und eigene Gewalt besitze.[5] Wie die Kölnische Zeitung berichtet, beklagt die Resolution, dass die durch Jahrhunderte bewährte Schutzwehr des Apostolischen Stuhls zerstört sei.[5] Die deutschen Katholiken wurden aufgerufen, trotz der eigenen Not die Sammlung des Peterspfennigs fortzusetzen, um der bedrängten Lage des Papstes zu helfen.[5][4]
Die erste öffentliche Versammlung am späten Nachmittag im Messehof, an der etwa 10.000 Menschen teilnahmen, gestaltete sich zu einer machtvollen Demonstration.[5] Als Reichskanzler Dr. Marx, Kardinal Bertram und Nuntius Pacelli erschienen, brandete lauter Jubel auf.[2] Präsident Horion eröffnete die Sitzung mit dem traditionellen Ruf „Gelobt sei Jesus Christus“ und wies auf den Wandel der letzten acht Jahrzehnte hin.[2] Der Vorwärts hebt hervor, dass Horion seine Genugtuung darüber äußerte, dass die katholische Kirche in der jungen Republik eine weit größere Bewegungsfreiheit genießt als unter dem alten Regime.[6] Das Jesuitengesetz sei endlich gefallen, die katholischen Ordensschwestern könnten ungehindert Kranke pflegen und Waisenkinder aufnehmen.[5] Horion betonte, dass Reichskanzler Marx der Tagung nicht als offizieller Vertreter des Reiches beiwohne, sondern als einfaches Mitglied der Katholikenversammlung — eine Tatsache, die sich vor zehn Jahren niemand hätte vorstellen können.[4] Nichtsdestoweniger mahnte der Präsident, dass man mit diesen Erfolgen nicht restlos zufrieden sein dürfe; besonders auf dem Gebiete der Schule stünden noch schwere Kämpfe bevor.[4] Ferner versicherte er den deutschen Volksgenossen unter fremder Herrschaft sowie den schwergeprüften mexikanischen Katholiken in deren Kampf um den religiösen Frieden das Mitgefühl der Versammlung.[5][4]
Reichskanzler Dr. Marx sprach überdies in einer gesonderten Versammlung der katholischen Arbeitervereine und unterstrich, dass die katholische Arbeiterschaft der Sauerteig des Glaubens in der gesamten deutschen Arbeiterschaft sei.[3] Zugleich verwies er in seiner Rede auf das drängende Völkerbundproblem.[6] In einer weiteren Veranstaltung trat die österreichische Präsidentin der katholischen Reichsfrauenorganisation, Fürstin Fanny von Starhemberg, ans Rednerpult.[7] Sie sprach über das Thema „Christus und die Frau“ und erklärte, die Menschheit stehe an einem Wendepunkt des Kulturlebens.[7] Dem Bericht der Deutschen Allgemeinen Zeitung zufolge mahnte sie die Frauen, sich ihrer großen Verantwortung bei der Erziehung der heranwachsenden Jugend bewusst zu sein, zumal sie nun zur Mitwirkung am öffentlichen Leben berufen sind.[7]