Auf dem Landsitz Bierville im Département Seine-et-Oise hat der internationale demokratische Friedenskongress, der in den vergangenen Tagen im Zeichen der Völkerversöhnung stand, seinen Abschluss gefunden.[1] Über viertausend Teilnehmer aus aller Welt hatten sich in den eigens errichteten sogenannten Friedensbaracken zusammengefunden, um der Vision des Gastgebers Marc Sangnier von einer pazifistischen Erneuerung Europas Ausdruck zu verleihen.[2] Wie der Figaro in einer anschaulichen Schilderung berichtet, glich die Zusammenkunft in vielerlei Hinsicht einer mystischen Erweckungsbewegung: Auf Wegen, die klangvolle Namen wie „Straße der Fraternité“ oder „Straße der Nationen“ trugen, wandelten barfüßige Pilger in Chlamyden, sangen Friedenshymnen in verschiedenen Sprachen und erinnerten durch ihr äußeres Erscheinungsbild das Pariser Blatt an die frommen Passionsspieler von Oberammergau.[2] Sinnbildlich für die tief empfundene Sehnsucht nach Überwindung der Kriegsgräben war eine Szene, in der sich auf der Schlosstreppe eine deutsche und eine französische Teilnehmerin brüderlich umarmten. Sangnier beschwor dabei unablässig den Frieden.[2]

Allerdings beschränkte sich der Kongress nicht auf symbolische oder sentimentale Gesten. Auf einem von Ferdinand Buisson geleiteten Festessen traten nach Angaben des Temps bedeutende politische Persönlichkeiten auf.[3] Der Generalsekretär der französischen Liga für Menschenrechte, Henri Guernut, betonte, dass laizistische und gläubige Republikaner in ihrem Streben nach Völkerverständigung das gleiche Ziel hätten.[3] Besondere Aufmerksamkeit erhielt eine Rede des Abgeordneten de Moro-Giafferri, der im Namen der republikanischen Frontkämpfer sprach.[3] Angesichts der drückenden wirtschaftlichen Nachkriegslasten forderte er nachdrücklich eine vollständige Annullierung sämtlicher Kriegsschulden, gleichgültig, ob sie von Siegern oder Besiegten aufgenommen wurden.[3] Zudem verlangte er die Schaffung einer internationalen, vom Völkerbund in Genf garantierten Währung, die nicht mehr das Eigentum eines einzelnen Staates, sondern der gesamten Völkergemeinschaft sein solle.[3] Dem Bericht der Sächsischen Staatszeitung zufolge setzte sich auch Marc Sangnier mit Nachdruck für diesen weitreichenden finanzpolitischen Plan ein. Infolge dessen regte Moro-Giafferri an, dem idealistischen Gastgeber den Friedensnobelpreis zu verleihen.[4]

Im Mittelpunkt der inhaltlichen Nachmittagsarbeit stand der Ausschuss für internationale Moral, der eine lebhafte Debatte über das Recht auf Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen führte.[4][3] An dieser Diskussion beteiligten sich auch Buisson und Sangnier rege.[3] Auf Vorschlag des deutschen Delegierten sprach sich der Ausschuss entschieden gegen die allgemeine Wehrpflicht aus, die als tiefgreifende Ungerechtigkeit und als Verstoß gegen das persönliche Gewissen bezeichnet wurde.[4] Am Abend fand ein von Mitarbeitern des Pariser Odéon-Theaters inszeniertes großes Fest statt, das die Versöhnung der Völker nochmals theatralisch hervorhob.[4] In seinen Schlussresolutionen bekannte sich der Kongress ausdrücklich zur Organisation eines wahren Völkerbundes, der die allmähliche Aufhebung nationalistischer Strömungen einleiten müsse.[4]