Die ohnehin angespannte Lage in Südchina hat durch eine scharfe diplomatische Kontroverse zwischen der britischen Kronkolonie Hongkong und der Regierung in Kanton (Guangzhou) eine weitere Zuspitzung erfahren. Wie die China Mail berichtet, nutzte der britische Gouverneur, Sir Cecil Clementi, die feierliche Eröffnung der neuen Geschäftsräume der Firma Lane Crawford zu einem beispiellosen verbalen Angriff auf die südchinesischen Behörden.[1] Clementi bezeichnete das Kantoner Streikkomitee, das den Boykott gegen die britische Kolonie organisiert, als eine Bande von „Banditen und Piraten“. Er erklärte, deren erklärtes Ziel sei es, der Kolonie schweren Schaden zuzufügen.[2][1] Darüber hinaus warf der Gouverneur der Kantoner Regierung vor, ihre primäre Pflicht — die Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung — sträflich zu vernachlässigen. Stattdessen dulde sie „organisierte Piraterie und Räubertum in der Provinzhauptstadt selbst“ stillschweigend.[1]

Die Reaktion aus Südchina ließ nicht lange auf sich warten. Das Kantoner Informationsbüro veröffentlichte umgehend eine offizielle Erklärung, wonach die Äußerungen des Gouverneurs in den Provinzen Kwangtung (Guangdong) und Kwangsi (Guangxi) tiefe Empörung hervorgerufen hätten.[2] Um die eigene Entschlossenheit zu bekräftigen, kündigten die Behörden für die laufende Woche eine große Parade an.[2] Diese Massenkundgebung soll der Weltöffentlichkeit zeigen, dass das chinesische Volk weiterhin fest hinter der Streik- und Boykottbewegung steht.[2] Die scharfen Worte des Gouverneurs gelten als besonders heikel. Die offiziellen Verhandlungen zwischen Kanton und Hongkong zur Beilegung des Konflikts sind gegenwärtig lediglich vertagt, jedoch nicht endgültig abgebrochen.[2] In britischen Kreisen verweist man darauf, dass es ohne Wirkung wäre, Delegierte nach Peking (Beijing) zu entsenden, um eine Angelegenheit zu verhandeln, über welche die dortige Zentralregierung keine tatsächliche Kontrolle hat.[1] Es erscheine deshalb sinnvoller, direkt mit den lokalen Gewalthabern zu verhandeln.[1]

Unterdessen ist auf diplomatischer Ebene in Europa keine Entspannung erkennbar. Aus Berichten der China Mail geht hervor, dass die britische Regierung in London eine formelle Anerkennung der Kantoner Regierung weiterhin strikt ablehnt.[1] Auf eine entsprechende Anfrage des Abgeordneten Shapurji Saklatvala im Unterhaus verwies Außenminister Sir Austen Chamberlain auf die bestehende pragmatische Praxis.[1] Zwar verhandelt der britische Generalkonsul in Kanton unmittelbar mit den dortigen Behörden über lokale Angelegenheiten, jedoch stelle dies keinesfalls eine völkerrechtliche Anerkennung der südchinesischen Machthaber dar.[1]

Die diplomatische Verhärtung fällt in eine Phase militärischer Umbrüche. Nach Informationen des Hong Kong Telegraph bereitet die südchinesische Führung derzeit einen groß angelegten Feldzug gegen die Truppen von Marschall Wupeifu (Wu Peifu) vor.[2] Dieser strategische Vorstoß soll unter der gemeinsamen Leitung mehrerer Generäle stehen und werde nach vorliegenden Erkenntnissen durch umfassende finanzielle Hilfsleistungen der Sowjetunion unterstützt.[2]