Unter dem Vorsitz des Königs ist der spanische Ministerrat in Madrid zusammengetreten, um über die außenpolitische Ausrichtung des Landes vor der kommenden Völkerbundversammlung in Genf zu beraten.[1][2] Wie die Badische Presse meldet, erklärte Außenminister José Yanguas nach der Sitzung, dass die Verhandlungen der Botschafter in San Sebastián fast ausschließlich der Tanger-Frage galten.[2] Der spanische Regierungschef Primo de Rivera gab zudem ein umfassendes Exposé über die Postulate seines Landes ab.[2] Das Kabinett beschloss, die Forderung nach einem ständigen Völkerbundratssitz unverändert aufrechtzuerhalten und die diplomatischen Vertreter anzuweisen, den spanischen Anspruch auf Tanger bei den ausländischen Regierungen mit Nachdruck zu vertreten.[1][2]
Die spanische Diplomatie verknüpft nun offenkundig das Schicksal Tangers mit der Ratssitzfrage. Dies ruft in mehreren europäischen Hauptstädten Erstaunen und Besorgnis hervor.[1] Nach Berichten des Westfälischen Merkur unter Berufung auf den Londoner Daily Telegraph strebt Spanien an, das Tangergebiet als Völkerbundmandat für einen Zeitraum von dreizehn bis fünfzehn Jahren zu übernehmen. Frühere Vorstöße, das Mandat lediglich auf fünf Jahre zu begrenzen oder eine vollständige Einverleibung anzustreben, waren auf energischen Widerstand gestoßen.[1][2] In diplomatischen Kreisen gibt es eine sogenannte „Schule des geringsten Widerstandes“, die zu Zugeständnissen bereit ist, sofern Spanien die Neutralität der Zone garantiert und auf die Errichtung von Festungen oder Unterseebootstützpunkten verzichtet.[1][2] Kritiker bemängeln jedoch, dass dem Völkerbund jede direkte Kontrolle über seine Mandatsmächte fehlt.[2]
Besonders in London ist die Ablehnung deutlich erkennbar. Die britische Regierung lehnt es ab, auf ein solches Tauschgeschäft einzugehen.[1] Ein Entgegenkommen Großbritanniens würde, wie Presseberichten zu entnehmen ist, einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen. Es besteht die Befürchtung, dass Italien in einem solchen Fall ebenfalls ein Mandat über Abessinien verlangen könnte.[2] Auch in der Tanger-Frage selbst erhebt Rom bereits Ansprüche: Der Gazzetta del Popolo berichtet, Italien werde Spanien zwar unterstützten, fordere aber für den Fall einer Beibehaltung der internationalen Verwaltung ein Mitbestimmungsrecht, da sich dort zahlreiche Italiener niedergelassen haben.[3]
Die Aussichten Spaniens in Genf bleiben somit äußerst ungünstig. Wie der Temps ausführt, ist die politische Situation seit dem Frühjahr unverändert festgefahren.[4] Der schwedische Delegierte beabsichtigt weiterhin, gegen jede Vermehrung der ständigen Ratssitze mit Ausnahme jenes für Deutschland zu stimmen.[4] Madrid setzt offenbar darauf, dass die Großmächte ein außergewöhnliches Entgegenkommen zeigen, um Spanien im Völkerbund zu halten.[1]