Die diplomatischen Vorbereitungen für die bevorstehende Herbsttagung des Völkerbundes treten in ihr entscheidendes Stadium. Am morgigen Vormittag wird der Auswärtige Ausschuss des Reichstages zusammentreten, um einen ausführlichen Bericht des Reichsaußenministers Dr. Stresemann über den aktuellen Stand der Völkerbundfrage entgegenzunehmen.[1]
Neben dem Minister werden Staatssekretär von Schubert und die zuständigen Referenten des Auswärtigen Amtes nach Genf reisen.[2] Bemerkenswert ist der Entschluss der Regierung, diesmal auch Parlamentarier als Delegierte heranzuziehen; dabei sollen neben den Regierungsparteien auch Vertreter der Opposition, namentlich der Sozialdemokraten und der Deutschnationalen, berücksichtigt werden.[2] Falls der Reichskanzler persönlich teilnimmt, wird das Zentrum keinen weiteren Vertreter stellen, während für die Demokraten Graf Bernstorff vorgesehen ist.[2] Das Reichskabinett selbst wird vor dem Zusammentritt der Genfer Studienkommission voraussichtlich nicht mehr tagen.[1]
Im Vorfeld der anstehenden Ratssitzung hat eine rege Reisetätigkeit begonnen, die mit erheblicher diplomatischer Zurückhaltung einherging.[2] Amtliche Berliner Stellen hatten zunächst Berichte zurückgewiesen, nach denen eine gemeinsame Vorkonferenz der Rechtssachverständigen stattgefunden habe.[1] Wie jedoch das Harburger Tageblatt kritisch anmerkt, hat diese Informationspolitik die Presse irregeführt.[3] Tatsächlich hielt sich der französische Jurist Fromageot zwei Tage in Berlin auf und führte eingehende Besprechungen mit Ministerialdirektor Dr. Gaus. Zuvor hatte er in London mit dem britischen Sachverständigen Sir Cecil Hurst beraten.[3][4] Ein offizielles Dementi der Wilhelmstraße bezog sich demnach lediglich auf eine formelle Dreierkonferenz.[1] Als deutscher Vertreter für die Studienkommission, die in der kommenden Woche zusammentritt, ist unterdessen Botschafter von Hoesch benannt worden.[1]
Nach Berichten des Vorwärts, der sich auf diplomatische Kreise aus London stützt, stand die Modifizierung des Cecilschen Planes im Mittelpunkt dieser Juristenbesprechungen.[5] Um Rücksicht auf die spanischen und polnischen Interessen zu nehmen, wurde vorgeschlagen, die Dauer der halbständigen Ratssitze von drei auf fünf Jahre zu verlängern und ausdrücklich die Möglichkeit der Wiederwahl einzuräumen.[5] Sir Cecil Hurst steht einer Änderung des Planes jedoch sehr skeptisch gegenüber, da bereits in der Studienkommission nur mühsam eine Einigung erzielt worden war.[5] Diskutiert wurde zudem die Streichung der Klausel, die es der Völkerbundversammlung erlauben würde, ein nichtständiges Mitglied vor Ablauf seines Mandats aus dem Völkerbundrat auszuschließen, sofern dieses die Beratungen bewusst behindert.[5] Der Gedanke zu diesen vertraulichen, ausschließlich auf die britischen, französischen und deutschen Juristen beschränkten Beratungen soll ursprünglich von Außenminister Briand ausgegangen sein.[5] Die Ausschließlichkeit dieser Zusammenkünfte hat bei den übrigen zehn Staaten der Studienkommission erhebliches Misstrauen ausgelöst. Sie befürchten, wie bereits im März, durch Absprachen einer Minderheit in eine vollendete Situation versetzt zu werden.[5]
Inzwischen treten die Ansprüche der kleineren Mächte deutlicher hervor. Die belgische Regierung hat beschlossen, ihre Kandidatur für einen Ratssitz aufrechtzuerhalten. In Brüsseler Kreisen wird es als große Ungerechtigkeit angesehen, wenn Belgien aus dem Rat ausscheiden müsste, sobald Deutschland eintritt.[2] Außenminister Vandervelde wird sich persönlich nach Genf begeben; er wird begleitet von einer hochrangigen Delegation, der unter anderem der sozialistische Senator de Brouckère angehört.[2] Der Pariser Temps führt die gegenwärtige Völkerbundkrise ausschließlich auf das deutsche Veto gegen eine Erweiterung der ständigen Ratssitze zurück und bestreitet, dass ein neu eintretender Staat das Recht habe, solche Forderungen zu stellen.[2]
Das größte Hindernis für eine einvernehmliche Lösung bleibt jedoch die Haltung Madrids. Einen Austritt Spaniens aus dem Völkerbund möchte man in London auf jeden Fall vermeiden. Gleichwohl weigert sich die französische Regierung, die spanische Forderung nach einem ständigen Ratssitz mit der Tangerfrage zu verbinden.[2] Spanien strebt offenbar ein Völkerbundmandat über die Tangerzone an.[5] Die britische Presse, darunter die Times, hebt schwerwiegende völkerrechtliche Bedenken gegen ein solches Mandat hervor, da Artikel 22 der Völkerbundsatzung ausschließlich auf Gebiete Anwendung findet, die infolge des Krieges den besiegten Staaten abgenommen wurden.[5] Die französische Regierung hingegen zieht nach Angaben des Vorwärts eine weniger weitgehende Lösung in Betracht: Sie erwägt, die bisher von Frankreich dominierte Verwaltung Tangers teilweise auf Spanien zu übertragen, etwa durch die Übernahme des Vorsitzes im Kontrollausschuss durch einen Spanier.[5] Ein förmliches Völkerbundmandat lehnt man in Paris entschieden ab, da dies das Marokkoproblem erneut in die europäische Diskussion einbringen würde.[5]
Trotz der Bemühungen Großbritanniens und Frankreichs, den deutschen Beitritt zu ermöglichen, bleibt die internationale Lage angespannt.[2] Der Temps weist die optimistische Auffassung großer Teile der Auslandspresse zurück und warnt davor, die bestehenden Schwierigkeiten als überwunden zu betrachten; insbesondere bestehe kein Anlass zu der Annahme, dass Spanien seine Einwände gegen die alleinige Aufnahme Deutschlands in den Völkerbundrat aufgegeben habe.[2]