Die innenpolitischen Spannungen in der Türkei haben einen neuen, blutigen Höhepunkt erreicht. Wie die Badische Presse unter Berufung auf aus Konstantinopel stammende Meldungen berichtet, hat das Unabhängigkeitsgericht in Angora (Ankara) vier prominente politische Persönlichkeiten zum Tode durch den Strang verurteilt.[1] Unter den Verurteilten befinden sich der frühere Finanzminister Dschawid (Mehmed Cavid Bey), der ehemalige Kultusminister Nasim sowie der Abgeordnete Hilmi und Nail, der vormalige Generalsekretär der jungtürkischen Partei.[1] Das Gericht befand die Männer der geheimen Verschwörung gegen den Staat für schuldig.[2][3]
Der aufsehenerregende Prozess richtete sich offiziell gegen die Urheber eines geplanten Umsturzes, nahm jedoch rasch den Charakter einer umfassenden historischen Abrechnung mit der Politik der Jungtürken an. Nach einem ausführlichen Bericht des Pariser Temps nutzte der Generalstaatsanwalt sein Plädoyer für einen scharfen Angriff auf die Verantwortlichen des Weltkriegs.[4] Er warf den Angeklagten vor, die Türkei in eine verheerende Katastrophe gestürzt zu haben.[4] Dabei erklärte die Anklagevertretung, dass die Bedingungen des Bündnisvertrags mit den Mittelmächten derart streng geheim gehalten worden seien, dass außerhalb des engsten Zirkels um Enver Pascha, Talaat Bey und Djemal Bey niemand die wahren Abmachungen gekannt habe.[4] Die damalige Regierung habe die allgemeine Mobilmachung nicht einmal im Kabinett beraten. Vielmehr sei den Ministern das Dekret stehend zur eiligen Unterschrift vorgelegt worden.[4]
Nach Angaben des Temps illustrierte der Staatsanwalt die Unvorbereitetheit des Osmanischen Reichs mit dem Hinweis, der Staatsschatz habe bei der Kriegserklärung lediglich über die geringe Summe von 62.000 türkischen Pfund verfügt.[4] Ferner wurde argumentiert, das Land sei durch vollendete Tatsachen, die ein deutscher Admiral auf Befehl des früheren deutschen Kaisers geschaffen habe, unweigerlich in den Konflikt hineingezogen worden — und dies zu einem Zeitpunkt, als die Marneschlacht das Schicksal des Krieges bereits besiegelt hatte.[4] Dem Temps zufolge wurde besonders hervorgehoben, dass die türkische Führung blind deutschen Vorschlägen gefolgt sei, was mit der Souveränität und Unabhängigkeit des Landes unvereinbar gewesen wäre.[4]
Neben den vier Todesurteilen forderte der Staatsanwalt für sieben weitere Angeklagte — darunter der ehemalige Gouverneur von Smyrna, Rahmi — die Verbannung auf Dauer, während für dreißig Beschuldigte ein Freispruch beantragt wurde.[4] Das harte Vorgehen der Regierung in Angora wird als Zeichen der kemalistischen Führung angesehen, jeden weiteren Versuch, die staatliche Ordnung durch ein Attentat zu beseitigen, mit aller Strenge des Gesetzes zu ahnden.[3][4]