In Genf, das sich laut dem Berliner Tageblatt in diesen Spätsommerwochen mehr denn je zu einer internationalen Kongressstadt entwickelt, trat am Mittwoch der Europäische Nationalitätenkongress zu seiner diesjährigen Tagung zusammen.[1] Wie die Zeitung ausführt, reiht sich die bis zum 27. August dauernde Veranstaltung der nationalen Minderheiten in eine dichte Folge von internationalen Konferenzen am Sitz des Völkerbundes ein.[1]

Nach Berichten des Harburger Tageblatts wurde der Kongress, an dem Vertreter zahlreicher europäischer Minderheiten teilnehmen, von seinem vorjährigen Präsidenten eröffnet.[2] Der slowenische Abgeordnete im italienischen Parlament, Dr. Wilfan, hieß als Präsident die Delegierten willkommen.[2] In seiner Begrüßungsansprache betonte Wilfan, es müsse trotz der noch zu leistenden Arbeit als überaus erfreuliche Tatsache bezeichnet werden, dass Vertreter so vieler in Kultur, Sprache und Recht verschiedenartiger Nationalitäten zu einer gemeinsamen Konferenz zusammengeführt werden konnten.[2] Der Schutz der Minderheitenrechte müsse immer wieder mit Nachdruck beim Völkerbund angemahnt werden.[2] Die Schaffung einer ständigen Organisation der Minderheiten sei jedoch, so erklärte der Präsident, bei der augenblicklichen politischen Situation nicht durchführbar.[2] Den absoluten Kernpunkt der anstehenden Verhandlungen bilde die Sicherung der kulturellen Entwicklungsfreiheit.[2]

Die Badische Presse ergänzt, dass Wilfan als Hauptaufgabe der Tagung bezeichnete, die bestehenden Gegensätze zu überbrücken und zu einer echten Verständigung zu gelangen.[3] Die Minderheiten müssten bestrebt sein, den Gegnern ihrer Bewegung in festem Zusammenhalt die Stirn zu bieten.[3][2] Im weiteren Verlauf der Eröffnungssitzung ergriff der deutschlettländische Abgeordnete Dr. Paul Schiemann das Wort.[3][2] In umfassenden Ausführungen unterstrich er die zwingende Notwendigkeit, neue Rechtsgrundlagen zu schaffen, welche die Frage der Volkszugehörigkeit und der Staatszugehörigkeit endgültig und dem Empfinden der Neuzeit entsprechend regeln.[3][2] Eine bleibende Lösung des drängenden Nationalitätenproblems könne, so Schiemann, nur durch ein geeintes Europa erzielt werden.[3]

Im Anschluss an die Reden schritt die Vollversammlung zur Wahl des Präsidiums.[3][2] Zum Ersten Präsidenten wurde erneut Dr. Wilfan berufen.[3][2] Als Vizepräsidenten fungieren künftig Dr. Paul Schiemann für die deutsche Gruppe, Dr. Motzkin für die jüdische Gruppe, Geza von Szüllö für die ungarische Gruppe, Kaczmarek für die tschechische Gruppe sowie ein Vertreter der Katalonier.[3][2]

Dass eine solche Zusammenkunft dringend geboten ist, veranschaulicht ein zeitgleicher Bericht des Berliner Tageblatts über administrative Maßregelungen in Ostoberschlesien.[1] Dort hatten die polnischen Behörden unlängst über 7000 Anträge auf Zulassung zur deutschen Minderheitenschule mit der Begründung abgelehnt, die Kinder seien polnischer Nationalität.[1] Solche eigenmächtigen Auslegungen des Nationalitätsbegriffs unterstreichen die Aktualität der Genfer Debatten.[1]

Am Nachmittag nahm der Kongress seine eigentlichen Arbeiten in den Kommissionssitzungen auf.[3][2] Die Kommission für kulturelle Fragen setzte einen speziellen Unterausschuss ein, der die kulturelle Autonomie der Minderheiten eingehend behandeln und der Konferenz dazu Vorschläge unterbreiten soll.[3][2] Die Rechtskommission fasste unterdessen den Beschluss, der Vollversammlung Empfehlungen für Wahlmethoden vorzulegen.[3][2] Diese sollen gewährleisten, dass die nationalen Minderheiten künftig in den parlamentarischen Körperschaften und in der Selbstverwaltung entsprechend ihrer tatsächlichen zahlenmäßigen Stärke vertreten sind.[3][2] Auch die Wirtschaftskommission hat ihre Beratungen bereits aufgenommen und wird diese in den kommenden Tagen fortsetzen.[3][2]