Die spanische Diplomatie hat am Vorabend der herannahenden Völkerbundtagung einen Schritt von erheblicher Tragweite unternommen. Wie der spanische Außenminister in einer offiziellen Erklärung verlauten ließ, macht die Regierung in Madrid ihre weitere Haltung in Genf unmissverständlich von der Erfüllung ihrer Forderungen in der Tangerfrage abhängig.[1] Der spanische Standpunkt wird dabei auf drei Hauptargumente gestützt: Erstens habe die Erfahrung gelehrt, dass das gegenwärtige internationale Regime in der Hafenstadt nicht lebensfähig sei.[1] Zweitens könne Spanien seine zivilisatorische Aufgabe in Nordafrika unmöglich erfüllen, solange die internationale Zone als Zufluchtsort für Aufständische und als offenes Tor für den Waffenschmuggel diene.[1] Drittens liege es im allgemeinen Interesse der Mächte, den internationalen Charakter der Meerenge von Gibraltar dauerhaft zu sichern.[1]

Um diesen Forderungen Nachdruck zu verleihen, hat die spanische Regierung auf ihre bisherigen mündlichen Eröffnungen nun auch schriftliche Memoranden folgen lassen.[1] Sie hat ein formelles Dokument an die französische, britische, italienische und amerikanische Regierung gerichtet.[2][3] Dem Petit Parisien zufolge zielt das Schriftstück auf die vollständige Einbeziehung Tangers in die spanische Marokkozone ab.[2][3] In London und Paris hat diese unerwartete Verknüpfung der Tangerfrage mit dem spanischen Anspruch auf einen ständigen Sitz im Völkerbundrat sofortige Ablehnung erfahren.[1] Man ist sich an der Themse und an der Seine darüber einig, dass eine solche Verknüpfung nicht geduldet werden dürfe.[1] Sowohl die britische als auch die französische Regierung halten es für zweckmäßig, ihre Antworten an Madrid erst nach vorangehenden gemeinsamen Besprechungen zu erteilen.[1]

In London hat die Frage nach Berichten des Evening Standard bereits zu einer Meinungsverschiedenheit zwischen der Admiralität und dem Außenministerium geführt. Diese ist letztlich zugunsten der Marineführung entschieden worden.[2][3] Während die britische Diplomatie den spanischen Wünschen anfänglich nicht gänzlich ablehnend gegenüberstand, machte die Admiralität mit Nachdruck geltend, dass Tanger — ebenso wie Gibraltar — zu den strategischen Schlüsseln des Mittelmeeres gehöre. Daher verbiete die veränderte Lage durch den Unterseebootkrieg eine Übergabe an eine Einzelmacht.[2][3] Wie der Pariser Temps ergänzend aus London meldet, beschränken sich die britischen Interessen im Wesentlichen auf die Forderung, dass Tanger unter keinen Umständen jemals zu einer Festung ausgebaut werden dürfe.[4]

In der britischen Öffentlichkeit werden verschiedene Auswege diskutiert. Professor Gilbert Murray regte in den Daily News an, Spanien ein formelles Völkerbundmandat über Tanger zu erteilen, da die bisherige internationale Verwaltung kläglich versagt habe.[4] Diesem Vorschlag wird jedoch entgegengehalten, dass der Völkerbund kaum ein Mandat über ein Gebiet vergeben könne, das nominell der Souveränität des Sultans von Marokko unterstehe.[4] Auch die französische Presse wendet sich entschieden gegen die Madrider Ambitionen. Das Journal betont, die marokkanische Frage dürfe nicht zu einem internationalen Wespennest gemacht werden und eine Einschaltung des Völkerbundes sei ausgeschlossen.[5] Der Publizist Pertinax kritisiert im Echo de Paris jedes Entgegenkommen gegenüber Spanien und verweist darauf, dass sich die Autorität des Sultans in der Tangerzone stets zugunsten Frankreichs geltend mache.[5]

Unterdessen zeichnet sich ab, dass die Vereinigten Staaten in die Angelegenheit einbezogen werden könnten. Wie die Washington Post berichtet, liegt das Memorandum des spanischen Ministerpräsidenten Primo de Rivera auch der amerikanischen Regierung vor, da die Union die Algeciras-Akte von 1906 mitunterzeichnet hat.[6] Präsident Coolidge steht nun vor der Entscheidung, sich entweder in die Konsultationen einzuschalten oder sich auf die Senatsvorbehalte zu berufen, die eine amerikanische Einmischung in rein europäische politische Fragen untersagen.[6] Die italienische Regierung gedenkt ihrerseits, wie das Mailänder Blatt Tribuna ankündigt, in nächster Zeit eine separate Antwortnote zu überreichen, da Italien die Tanger-Konvention von 1923 ohnehin nicht unterzeichnet hatte.[1] Bemerkenswert ist, dass die italienische Völkerbunddelegation nach Informationen der Daily Mail mit der ausdrücklichen Weisung nach Genf gereist ist, den spanischen Anspruch auf einen ständigen Sitz im Völkerbundrat zumindest diplomatisch zu unterstützen.[5]

Die Position der spanischen Regierung wird durch erhebliche lokale Widerstände in der umstrittenen Zone erschwert. Die in Tanger erscheinende Depeche marocain veröffentlichte ein entschiedenes Manifest gegen die Diktatur Primo de Riveras. Darin heißt es wörtlich: „Bewohner von Tanger, verteidigt Euch gegen die große Gefahr, die im Anzuge ist und die, wenn sie sich verwirklichen würde, alle Euere Freiheiten niedertreten würde.“[1] Weiterhin wird erklärt, die Einwohnerschaft werde sich einer spanischen Herrschaft notfalls gewaltsam widersetzen.[1] In gut informierten Madrider Kreisen wird zudem vermutet, dass der jüngst ausgebrochene Konflikt zwischen König Alfons (Alfons XIII.) und dem Diktator nicht zuletzt auf politische Meinungsverschiedenheiten bezüglich jener Tanger-Politik zurückzuführen ist, die Spanien nun in eine diplomatische Isolation zu führen droht.[3]