Seit nunmehr siebzehn Wochen befinden sich über 850.000 britische Bergarbeiter in einem erbitterten Arbeitskampf, der weite Teile der europäischen Arbeiterschaft in Bewegung setzt.[1] Die Grubenbesitzer fordern unvermindert eine Herabsetzung der Löhne, eine Verlängerung der Arbeitszeit sowie eine bezirksweise Lohnregelung anstelle nationaler Abkommen.[1] Angesichts der schwindenden Reserven der Streikenden hat der Vorstand des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) in Berlin einen dringenden Aufruf zur finanziellen Unterstützung erlassen.[1] Vorausgegangen war am Donnerstag ein Besuch der britischen Gewerkschaftsvertreter A. Purcell und F. Blackledge beim ADGB-Bundesvorstand, wo sie die prekäre Lage in den englischen Kohlerevieren eindrücklich schilderten.[2][1] Der Bundesvorsitzende Theodor Leipart versicherte den Delegierten, dass die deutschen Arbeiter zu neuerlicher, tatkräftiger Hilfe aufgerufen würden.[2][1] In der kommenden Woche sollen zudem zahlreiche Versammlungen stattfinden, auf denen englische Vertreter — darunter das Unterhausmitglied Tom Cape — über die internationale Tragweite des Konflikts berichten werden.[1]

Auch in Österreich formiert sich breite Unterstützung. Wie der Vorwärts meldet, beschloss die Vorständekonferenz der dortigen Gewerkschaften, von jedem ihrer rund 700.000 Mitglieder einen Sonderbeitrag von 60 Groschen zu erheben.[1] Der aus dieser Solidaritätsaktion erwartete Ertrag beläuft sich auf etwa 200.000 Mark.[1] Gleichzeitig bestätigen ausländische Meldungen den zunehmenden Druck auf die englischen Arbeiter. Ein gemeinsamer Aufruf des Britischen Gewerkschaftsbundes und der Bergarbeiterföderation — unterzeichnet unter anderem von Arthur Pugh, Walter M. Citrine und A. J. Cook — beklagt bitteren Hunger in den Bergarbeiterfamilien.[1] Unter stillschweigender Duldung der Regierung hätten die Organe der Armenunterstützung die Rationen für Frauen und Kinder drastisch herabgesetzt. Damit soll Druck auf die Arbeiter ausgeübt und sie zur Kapitulation gezwungen werden.[1]

An den Gruben selbst wächst derweil die Spannung. In St. Helens in der Grafschaft Lancashire brachen schwere Unruhen aus, nachdem die Grubenbesitzer eine Abberufung der Sicherheitsposten verweigert hatten.[2] Durch massive Steinwürfe wurden dort zahlreiche Polizeibeamte verletzt.[2] Im Bezirk Nottingham versuchen die Unternehmer unterdessen, den Betrieb mit Arbeitswilligen aufrechtzuerhalten. Obwohl starke Polizeikräfte zum Schutz der Streikbrecher zusammengezogen wurden, sank die Zahl der Einfahrenden in den letzten Tagen spürbar.[1] Dabei kam es laut Berichten des Vorwärts zu mehreren Zusammenstößen zwischen Streikposten und der Polizei, die teilweise mit großer Brutalität vorgegangen sein soll.[1]

Auf politischer Ebene zeichnet sich eine vorsichtige Bewegung ab. Nach einer telefonischen Anfrage Cooks kehrte der britische Arbeitsminister Sir Arthur Steel-Maitland eilig nach London zurück, um am späten Donnerstagnachmittag neue Verhandlungen mit den Bergarbeiterführern aufzunehmen.[2][1] Die erste Aussprache dauerte rund anderthalb Stunden, woraufhin ein Sonderkurier Berichte an den in Aix-les-Bains weilenden Premierminister Stanley Baldwin überbrachte.[2] Dem Pariser Le Temps zufolge hat der Sekretär der Bergarbeiterföderation, A. J. Cook, seine bisherige unnachgiebige Haltung deutlich abgemildert, da er erkannt habe, dass der Streik nicht endlos fortgeführt werden könne.[3] Diese neue Verhandlungsbereitschaft stößt jedoch bei radikaleren Elementen der Arbeiterschaft auf heftige Kritik.[3] Ob die Londoner Gespräche, die am Freitagabend fortgesetzt werden sollen, Friedensaussichten bieten, wird in gut unterrichteten Kreisen allerdings noch stark bezweifelt.[2][1]