Die abessinische Regierung hat im Streit um das britisch-italienische Abkommen einen neuen diplomatischen Schritt in Genf unternommen.[1] Auf die offizielle Anfrage des Völkerbundsekretariats, ob die Protestnote von Addis Abeba im Völkerbundrat oder vielmehr in der Völkerbundversammlung verhandelt werden soll, hat das ostafrikanische Kaiserreich geantwortet, dass es bis zum 11. September einen endgültigen Bescheid geben werde.[1] Wie der Vorwärts meldet, legt man diese Antwort in diplomatischen Kreisen dahingehend aus, dass die abessinische Vertretung beabsichtigt, während der ersten Tage der Völkerbundversammlung zunächst Rücksprache mit mehreren anderen Delegationen zu nehmen.[1] Auf diese Weise soll die Behandlung ihrer Note sorgfältig vorbereitet werden.[1]
Hintergrund des Konflikts ist die Besorgnis über die Rückkehr zur Vorkriegsdiplomatie. Nach Einschätzung des schwedischen Hufvudstadsbladet steht die britisch-italienische Übereinkunft über ein gemeinsames Vorgehen in Abessinien unverkennbar im Zeichen der alten imperialistischen Politik.[2] In Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Genfer Liga wetteifern die Staaten zwar offiziell darum, Verträge über Schiedsgerichtsbarkeit und gegenseitige Sicherheit abzuschließen.[2] Dennoch spinnt die alte Diplomatie weiterhin ihre Netze aus politischen Vereinbarungen. Diese enthalten Klauseln zur Wahrung gemeinsamer Interessen und richten sich direkt gegen eine dritte Partei.[2]
Die gegenwärtige Krise erklärt sich maßgeblich daraus, dass die Regierungen erhebliche Schwierigkeiten haben, die traditionelle Machtpolitik mit den neuen Ideen der zwischenstaatlichen Solidarität in Einklang zu bringen.[2] Das skandinavische Blatt führt aus, dass das Vorgehen Großbritanniens und Italiens am Horn von Afrika ein klassisches Beispiel dieser Vorkriegsdiplomatie darstellt. Trotz aller demokratischen Durchbrüche der Nachkriegszeit setze sich diese mit unverminderter Kraft fort.[2]