Unter den Klängen alter Armeemärsche und bei strahlendem Sonnenschein hat die fränkische Metropole am Wochenende ein militärisches Schauspiel erlebt, das Beobachter unweigerlich an die glanzvollen Tage der Monarchie erinnerte.[1] Zum ersten Mal seit dem Ende des Weltkrieges versammelten sich Zehntausende in Nürnberg zu einem großen Armee- und Marinegedenktag, um der gefallenen Soldaten zu gedenken und die Traditionen der alten Wehrmacht öffentlich zu pflegen.[2]
Bereits am Freitagnachmittag nahm das Ereignis, das die Stadt für mehrere Tage in ein nationales Fahnenmeer tauchen sollte, seinen repräsentativen Anfang.[3] Wie das Harburger Tageblatt berichtet, bildete die feierliche Einholung von 48 historischen Regimentsfahnen den Auftakt.[2] Diese waren zuvor im bayerischen Armeemuseum in München aufbewahrt worden und wurden nun durch eine Ehrenkompanie der Landespolizei in Nürnberg in Empfang genommen.[2] Unmittelbar danach traf der ehemalige Feldmarschall August von Mackensen in der Stadt ein. Dort begrüßte ihn eine große Menschenmenge mit Begeisterung.[2] Am Freitagabend erlebte die Bürgerschaft einen gewaltigen Zapfenstreich, der in einen Fackelzug mündete.[2] Um Punkt zehn Uhr nachts verkündete ein scharfer Böllerschuss den Beginn einer festlichen Beleuchtung der alten Kaiserburg — ein weithin sichtbares Symbol für den Herrschaftsanspruch der konservativen Kräfte.[2]
Der offizielle Teil des Gedenkens verlagerte sich am Samstagabend in die größten Säle der Stadt.[4] Tausende ehemaliger Kriegskameraden drängten sich laut der Badischen Presse in der riesigen Luitpold-Halle, um den Ansprachen von Feldmarschall von Mackensen und dem ehemaligen bayerischen Kronprinzen Rupprecht (Rupprecht von Bayern) beizuwohnen.[4] Die prominenten Redner würdigten die Taten des alten Heeres sowie der Marine und gedachten der Gefallenen des Weltkrieges. Das Publikum nahm ihre Ausführungen mit stürmischem Beifall auf.[4] Parallel dazu bot der örtliche Kulturverein ein überaus reichhaltiges Programm, das den kameradschaftlichen Zusammenhalt der Veteranen festigen sollte.[4]
Den unbestrittenen Höhepunkt der Feierlichkeiten bildete der Sonntag.[4] Schon in den frühen Morgenstunden entfaltete sich in den Straßen ein reges militärisches Leben.[4] Die amerikanische Washington Post schildert das Bild einer Stadt, in der das allgegenwärtige Hackenzusammenschlagen und das Zusammentreffen alter Kameraden wehmütige Erinnerungen an die Kaiserzeit weckten.[1] Mit klingendem Spiel zogen die verschiedenen Formationen zu ihren Aufstellungsplätzen, um sich für den großen Festzug zu formieren.[4] Pünktlich um elf Uhr vormittags erreichte die Spitze der Parade den Hauptmarktplatz.[4] Dort standen Kronprinz Rupprecht, Prinz Oskar von Preußen sowie Feldmarschall von Mackensen inmitten zahlreicher Offiziere des alten Heeres und der Marine, um den Vorbeimarsch abzunehmen.[1]
Drei Stunden lang dauerte der gewaltige Aufmarsch.[1][4] Etwa 20.000 Männer zogen im strengen Stechschritt an den Ehrengästen vorbei.[1][3] Dem in Asien erscheinenden Hong Kong Telegraph zufolge trugen die Teilnehmer mehr als 1.100 Banner und Flaggen.[3] Besonders auffällig waren die Abordnungen ehemaliger Kolonialsoldaten, deren Transparente die unmissverständliche Forderung „Vergesst unsere Kolonien nicht“ trugen.[3] Die Veranstaltung war von den Organisatoren ausdrücklich als Gedenken an die Schlacht von Sedan, die Kämpfe bei Tannenberg, die Skagerrakschlacht sowie den Verlust der Überseegebiete angelegt worden.[3]
Die Resonanz auf den Straßen schien bei großen Teilen der Bevölkerung enthusiastisch zu sein. Tausende von Menschen umsäumten die Wege, winkten den Marschierenden zu und warfen ihnen aus den Fenstern Blumen zu.[4][3] In den festlich dekorierten Straßen war nach ausländischen Korrespondenten nicht eine einzige republikanische Flagge zu sehen.[3] Beobachter deuteten den Aufmarsch als unmittelbare Antwort auf eine republikanische Demonstration des Vormonats, die angeblich nicht einmal ein Viertel der jetzigen Zuschauermenge angezogen hatte.[3] Nach dem Ende des Vorbeimarsches verbrachten die Teilnehmer den Nachmittag mit sportlichen Wettkämpfen, Theaterbesuchen oder der Erneuerung alter Frontfreundschaften.[4] Über dem Flugplatz der Stadt bereicherte der bekannte Jagdflieger Oberleutnant Ernst Udet das Programm mit waghalsigen Flugvorführungen.[4]
Ein gänzlich anderes Bild der Ereignisse zeichnet die sozialdemokratische Presse. So titelt das Hamburger Echo pointiert: „Nürnberg ist kein München“ und spricht dem Armee- und Marinetag jede politische oder gesellschaftliche Bedeutung ab.[5] Obwohl fast fünfzig Exzellenzen, darunter mehrere ehemalige Fürsten, als Zugpferde aufgeboten worden seien und sich in alter kriegsmäßiger Aufmachung präsentiert hätten, sei der Ausgang aus Sicht der Veranstalter geradezu katastrophal gewesen.[5] Nach Angaben des Blattes hätten lediglich 17.000 bis 19.000 Personen am Festzug teilgenommen — eine Zahl, die weit hinter den Erwartungen zurückblieb und im Vergleich zum republikanischen Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, das mühelos 80.000 Anhänger zu mobilisieren vermöge, als kläglich erscheine.[5]
Den Hauptteil der Marschierenden, so führt die sozialdemokratische Zeitung weiter aus, habe der rechtskonservative Stahlhelm gestellt, ergänzt durch den Wehrverband Reichsflagge sowie Angehörige von Kriegervereinen aus ländlichen bayerischen Bezirken.[5] Um überhaupt eine nennenswerte Kulisse zu schaffen, seien diesen Mitgliedern sowohl Fahrgeld als auch Zehrgeld erstattet worden.[5] Das Hamburger Echo behauptet außerdem, die getragenen Uniformen hätten größtenteils aus Nürnberger Maskenverleihgeschäften gestammt.[5] Die Haltung der örtlichen Bevölkerung wird grundlegend anders bewertet: Sie habe der gesamten Veranstaltung äußerst wenig Interesse entgegengebracht. Alle Versuche, künstlich Stimmung in die Zuschauermengen zu bringen, seien misslungen.[5]
Trotz dieser entgegengesetzten innenpolitischen Sichtweisen bleibt die Tatsache bestehen, dass die Nürnberger Tage weit über die Grenzen des Reiches hinaus beachtet wurden. Während die Linke das Ereignis als inszeniertes Theaterstück ohne Rückhalt in der Arbeiterschaft abtut, zeigt die internationale Presseresonanz, wie sehr das Ausland jede militärische Regung im Deutschen Reich beobachtet. Die amerikanische Auslandspresse fasst den Eindruck vieler ausländischer Beobachter zusammen, indem festgestellt wird, dass sich die Bewohner der alten Stadt beim Anblick des dreistündigen Stechschritts fragen mussten, ob die Epoche des Kaisers nicht längst wieder zurückgekehrt sei.[1]