Unter den schwarz-rot-goldenen Fahnen, die stolz vom Gebäude des Messamtes und den beiden Rathäusern wehen, hat die Leipziger Herbstmesse am Sonntag ihre Pforten geöffnet.[1] Ein reges Treiben erfüllt die Straßen der sächsischen Metropole; jedoch offenbart der erste Blick in die Messehallen ein deutlich verändertes Bild.[1] Verglichen mit vergangenen Veranstaltungen ist ein markanter Rückgang der Aussteller festzustellen.[2] Die Herbstmesseschau hat nach der jüngsten Depressionszeit einen regelrechten Reinigungsprozess durchlaufen. Schätzungsweise 800 frühere Aussteller fielen dabei den widrigen wirtschaftlichen Verhältnissen zum Opfer.[1]
Wie die Deutsche Allgemeine Zeitung meldet, sind rund 8200 Aussteller erschienen. Dies entspricht einem Rückgang von etwa zehn Prozent gegenüber der Frühjahrsmesse.[3] Besonders auf der Technischen Messe zeigen sich große Lücken; die westdeutsche Maschinenindustrie schreckte angesichts immenser Frachtkosten vor einer erneuten Beschickung im selben Jahr zurück.[3] Auffällig ist jedoch, dass sich die vermietete Ausstellungsfläche der Allgemeinen Messe kaum verringert hat. Viele verbliebene Firmen nutzten die freigewordenen Stände, um ihre eigene Präsentation zu vergrößern.[3] Die alten Messeindustrien sind weiterhin stark vertreten: Die Spielwarenbranche zählt knapp 740 Aussteller, die Gruppe Glas und Keramik verzeichnet eine ähnliche Zahl. Lederwaren- und Reiseartikelhersteller sind mit etwa 280 Firmen präsent.[3]
Die allgemeine Wirtschaftslage färbt jedoch unverkennbar auf das Messegeschäft ab.[2] Dem Vorwärts zufolge ist die Grundstimmung bei den Einkäufern sehr unbestimmt.[4] Der Kleinhandel verweist warnend auf die lang anhaltende Arbeitsmarktkrise und die hohe Arbeitslosenziffer, die eine rasche Belebung des Verkaufs unwahrscheinlich erscheinen lassen.[4] Da die Verarmung breiter Schichten einen Kauf über den notwendigsten Lebensbedarf hinaus kaum zulässt, verhalten sich die Detaillisten zurückhaltend und erteilen meist nur kleinste Aufträge.[4] Daher herrschte am Sonntag in bestimmten Sparten eine bedrückende Leere. Die Textilmesse lag zeitweise nahezu verlassen da, und auch im Grassi-Museum blieben zahlreiche Stände ohne nennenswerten Zuspruch.[4] Prominente Firmen aus Solingen und Nürnberg hatten am Abend des ersten Tages noch keine Aufträge verbuchen können.[5]
Nach Angaben des Berliner Tageblatts setzte der Besuch aus dem In- und Ausland gleich am ersten Tag lebhaft ein. Besonders Einkäufer aus Österreich, der Tschechoslowakei sowie den skandinavischen Ländern wurden bemerkt.[1] Das Auslandsinteresse richtet sich laut dem Hamburger Echo bislang jedoch vorwiegend auf das Einholen von Offerten.[5] Verschiedene Sonderausstellungen finden besonderes Interesse, darunter die Schau der Porzellanmanufaktur Rosenthal und die Ziegelfachbauausstellung im Rahmen der Baumesse.[2] Letztere wurde durch den Hamburger Architekten Fritz Höger — den Erbauer des Chile-Hauses — eröffnet. Sie wird von einer Tagung der deutschen Ziegelindustrie mit 800 Teilnehmern begleitet.[5] Trotz des zögerlichen Auftakts hoffen die zumeist als Fabrikanten auftretenden Aussteller auf einen belebteren Geschäftsgang in den verbleibenden Messetagen, der durch die Vorbereitungen auf das anlaufende Weihnachtsgeschäft getragen werden soll.[1][4]