Der zurzeit in Bern tagende Fortsetzungsausschuss der Stockholmer Weltkirchenkonferenz hat sich in seiner jüngsten Vollsitzung mit einer Frage befasst, die seit dem Ende des bewaffneten Konflikts schwer auf den internationalen Beziehungen lastet. Wie die Badische Presse berichtet, verabschiedete das Gremium eine weitreichende Entschließung zur Kriegsschuldfrage.[1] Diese Erklärung versteht sich als formelle Antwort auf ein Schreiben der deutschen Delegation vom 29. August des vergangenen Jahres.[1] Seinerzeit hatten die deutschen Vertreter in Stockholm schriftlich niedergelegt, dass sie die Konferenz nicht verlassen könnten, ohne eine Frage aufzurollen, die schwer auf ihrer Seele laste.[1] Die einseitige Schuldzuweisung an Deutschland erschwere das ökumenische Zusammenwirken.[1] Die Delegation verzichtete damals auf einen formellen Protest, da ohnehin weithin bekannt sei, dass das deutsche Volk die alleinige Verantwortung für den Krieg entschieden ablehne und in dieser Haltung zunehmend Unterstützung durch ausländische Forscher erfahre.[1] Die deutschen Teilnehmer forderten bereits vor Jahresfrist eine rückhaltlose Klärung der wahren Verantwortlichkeiten als unabweisliche moralische Aufgabe.[1]
Im Rahmen der aktuellen Tagung empfing der Schweizer Bundesrat die Delegierten der Weltkirchenkonferenz. Nach Angaben des Harburger Tageblatts ergriff bei diesem Anlass Reichsgerichtspräsident Simons das Wort.[2] Er betonte die Notwendigkeit, dass die geistige Bewegung der Konferenz nicht an der Oberfläche verflachen dürfe, sondern tief in die Laienwelt getragen werden müsse.[2] Die Schweiz, so Simons weiter, könne hierbei als vorbildlich gelten, da sie politische und kulturelle Fragen stets im Geiste der Freiheit und Gerechtigkeit behandele.[2] Die Arbeit der Kirchen müsse die Einheit zum Wohle der Welt erstreben, ohne jedoch in eine bloße Gleichmacherei zu verfallen.[2]
Die nun veröffentlichte Entschließung des Fortsetzungsausschusses greift das deutsche Anliegen auf. Das Gremium hält jedoch ausdrücklich fest, sich nicht in rein politische Debatten einmischen zu wollen.[3] Dennoch, so geht aus dem Westfälischen Merkur hervor, ist das Arbeitsziel der Konferenz untrennbar mit moralischen Prinzipien verbunden.[3] Der Ausschuss stellt klar, dass Christen ihr gegenseitiges Verhalten niemals von offiziellen, in diplomatischen Dokumenten niedergelegten Erklärungen abhängig machen dürfen.[2] Unter Bezugnahme auf die Heilige Schrift wird hervorgehoben, dass die göttliche Sache der unteilbaren Kirche unmöglich mit den Interessen eines einzelnen Staates gleichgesetzt werden dürfe.[3]
Das Gremium äußert sich offen zu den Mechanismen der Nachkriegsordnung. Zunächst komme es auf die Wahrheit an, der sich keine Interessen — weder von Einzelpersonen noch von Gemeinschaften — widersetzen dürften.[1] Der Ausschuss erklärt ferner, dass politische Urkunden nicht geeignet seien, ein endgültiges moralisches Urteil zu fällen, und dass durch Krieg nicht festgelegt werden könne, was recht ist.[3] Dem Westfälischen Merkur zufolge gipfelt die Resolution in dem Satz, „dass ein jedes erzwungene Bekenntnis, wo immer es auch abgelegt sein mag, moralisch wertlos und religiös kraftlos ist“.[3]
Um die seelischen Wunden zu heilen, fordert der Ausschuss, dass die Fragen der Verantwortlichkeit für den Kriegsausbruch durch die Forschung mit allen verfügbaren Mitteln aufgeklärt werden.[1][3] Dies müsse ohne Zurückhaltung geschehen, damit ein so klares Licht auf die Ereignisse geworfen werde, dass eine allgemeine Übereinstimmung erzielt werden könne.[3]