Der Verkehr der amerikanischen Millionenmetropole ist zum Erliegen gekommen, während das Kinopublikum Abschied von seinem größten Abgott nimmt. Wie die Washington Times berichtet, war der Broadway am Tag der Beerdigung von Rudolph Valentino so weit das Auge reichte von Menschenmassen gesäumt.[1] Die Straßenbahnwagen standen still, und die Bürgersteige waren derart dicht gedrängt, dass ein Durchkommen unmöglich wurde.[1] Tausende drängten sich auf den Treppen der Hochbahnhöfe und in den Fenstern der Bürogebäude, während die Geschäftswelt ihre Arbeit vollständig niederlegte.[1] Die berittene Polizei und motorisierte Einheiten hatten große Mühe, die Trauernden hinter den Absperrseilen zu halten.[1]
Nach den Tumulten der vergangenen Woche, die sich rund um die Aufbahrungshallen abgespielt hatten, ergriffen die Behörden nun eiserne Maßnahmen. Laut dem Pariser Figaro wurden der New Yorker Polizei strengste Befehle erteilt, um eine Wiederholung der vorangegangenen Skandale zu verhindern.[2] Für den religiösen Gottesdienst wurden lediglich fünfhundert bis sechshundert Personen zugelassen, die eigens gedruckte Einladungskarten vorweisen mussten.[2][1] Die Neunundvierzigste Straße wurde zwischen der Sechsten und Siebten Avenue rigoros abgeriegelt.[1] In der Hoffnung, dennoch eine Eintrittskarte zu erlangen, hatten Hunderte von Verehrern zuvor Blumen und andere Embleme an die Kapelle gesandt.[2] Bemerkenswert ist jedoch, dass an diesem Tage nur noch sechs Polizisten in der unmittelbaren Umgebung der Kapelle stationiert waren. In der Vorwoche hatte sich dort eine unkontrollierbare Menge unbändige Kämpfe geliefert.[3]
Das Innere der Bestattungskirche, in der Valentinos Leichnam ruhte, glich einem regelrechten Gewächshaus. Nach Berichten der Washington Post füllten etwa vierhundert Blumenkränze im geschätzten Wert von fünfundzwanzigtausend Dollar den Raum.[3]
Besonders dramatisch gestaltete sich das Erscheinen der Schauspielerin Pola Negri, die als die Verlobte des verstorbenen Filmstars galt.[3] Nach einer fast fünftausend Kilometer langen Reise traf die polnische Künstlerin aus Los Angeles in New York ein.[3] Nach ihrer Ankunft auf dem Bahnhof zog sie sich zunächst in ihre Hotelsuite zurück, da sie, von einer Krankenschwester betreut, dem Zusammenbruch nahe war.[3] Sie mied die Journalisten und die neugierige Menge, verließ das Gebäude durch einen Nebenausgang und fuhr direkt zum Hotel Ambassador.[3] Die Washington Times meldet, dass sie schließlich beinahe kollabierte, als sie umgehend in den sogenannten Goldenen Saal geführt wurde, wo der Sarg aufgestellt war.[1] Begleitet wurde sie von Valentinos Manager S. George Ullman, dessen Ehefrau, einem Arzt und einer Krankenschwester.[1] Dem Gesundheitsamt war zuvor eine Sondergenehmigung abgerungen worden, um den Sarg noch einmal zu öffnen, damit die Schauspielerin das Gesicht des toten ‚Kinoscheichs‘ ein letztes Mal betrachten konnte.[3] Weinend verharrte sie eine Stunde am Katafalk.[3] Sie hatte ein riesiges Bukett aus roten Rosen entsandt, das mit den aus Blumen geformten Worten „Meine Liebe wird ewig sein“ geschmückt war.[1] Fast zeitgleich erschien auch Jean Acker, die erste Ehefrau Valentinos, in Begleitung ihrer Mutter an der Bahre, um dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen.[1]
Das Verlassen des Gebäudes durch Pola Negri führte abermals zu dramatischen Szenen. Als die gebrochene Frau weinend aus dem Haus geführt wurde, durchbrach die sensationslüsterne Menge die Polizeiketten.[3] Ein Beamter musste auf das Trittbrett ihrer Limousine springen, um fanatische Anhänger abzuwehren, die sich an den Wagen klammerten, nur um einen flüchtigen Blick auf die Trauernde zu erhaschen.[3] Wie Manager Ullman später erklärte, war Miss Negri erschöpft und verweigerte jeden weiteren Empfang.[3] Er zitierte ihre verzweifelten Worte, als sie ihn unter Tränen gefragt habe: „Warum hast du ihn mir nicht zurückgebracht?“[3]
Die feierliche Messe selbst wurde von Pater Leonard zelebriert, der dem Toten den Einzug in Jerusalem und die ewige Ruhe wünschte.[1] Musikalisch untermalt wurde die Feier durch Solodarbietungen von Sängern der Chicagoer sowie der San Carlo Oper, während Chopins Trauermarsch auf der Orgel erklang.[1]
Trotz der sakralen Würde wurde das Begräbnis durch politische Spannungen der italienischen Einwanderergesellschaft getrübt. Dem Bericht der Washington Times zufolge war ein erbitterter Konflikt entbrannt, da antifaschistische Gruppierungen lautstark forderten, die Ehrenwache der sogenannten Schwarzhemden müsse vom Sarg entfernt werden.[1] Die Antifaschisten veröffentlichten eine Erklärung, dass sie für eventuelle Unruhen nicht verantwortlich gemacht werden könnten, falls die faschistischen Schwarzhemden bei der Trauerfeier eine prominente Rolle spielen sollten.[1] Aus diesem Grund hatte das Management zusätzliche Polizeikräfte angefordert.[1]
Vorläufig bleibt der Leichnam in den Räumlichkeiten des Bestattungsunternehmens Campbell.[1] Die endgültige Entscheidung über die letzte Ruhestätte soll getroffen werden, sobald Valentinos Bruder, Alberto Guglielmi, am Mittwoch an Bord des Dampfers Homeric aus Europa eintrifft.[1] Es wird erwartet, dass Hollywood als Beisetzungsort gewählt wird.[1] So endet das irdische Dasein eines Mannes, dessen filmisches Wirken eine Massenhysterie entfachte, die selbst über seinen Tod hinaus die öffentliche Ordnung einer Weltstadt ins Wanken brachte.