Die britische parlamentarische Krise um den andauernden Kohlenkonflikt zeigt vorerst keine Anzeichen einer Entspannung. Das Unterhaus verabschiedete mit 230 gegen 91 Stimmen eine Resolution, welche die weitreichenden außerordentlichen Vollmachten der Regierung um einen weiteren Monat verlängert.[1] Lordkanzler Cave betonte im Oberhaus nachdrücklich den vorbeugenden Charakter dieser Maßnahmen. Das Parlament vertagte sich formal bis zum 9. November, jedoch mit der Maßgabe, bereits am 30. September wieder zusammenzutreten, falls der Streik bis dahin nicht beendet sein sollte.[1][2] Die Debatte war geprägt von strengen Warnungen an die Streikenden: Innenminister Joynson-Hicks und Generalstaatsanwalt Douglas Hogg stellten klar, dass das Gesetz den Streikposten lediglich ein friedliches Überzeugen der Arbeitswilligen gestatte.[1] Menschenansammlungen, die das Ziel verfolgten, zur Arbeit gehende Bergleute einzuschüchtern, seien illegal und würden konsequent unterbunden.[1]

Im politischen Schlagabtausch griff Lloyd George die konservative Regierung scharf an und warf ihr Untätigkeit vor.[2] Die Grubenbesitzer hätten nicht das geringste Entgegenkommen gezeigt, sondern vielmehr die wenigen Zugeständnisse, die sie ursprünglich andeuteten, längst wieder zurückgezogen.[2] Schatzkanzler Winston Churchill verteidigte das Kabinett. Er betonte, die Regierung habe alles in ihrer Macht Stehende getan und sei jederzeit bereit, erneut einzugreifen, sofern die streitenden Parteien dies wünschten.[2] Churchill führte zudem aus, dass die Bergleute Unterstützung für ein nationales Abkommen finden könnten, wenn sie in der Streitfrage der Arbeitszeiten Vernunft annähmen.[3]

Unterdessen geht der Ausstand der Bergleute in seine siebzehnte Woche.[1] Der Exekutivausschuss der Bergarbeitervereinigung hielt am Dienstagnachmittag eine Sitzung ab, geriet jedoch in eine Sackgasse. Mit knapper Mehrheit beschloss das Gremium, selbst keine neuen Friedensvorschläge zu formulieren, sondern diese Verantwortung auf die für den morgigen Donnerstag einberufene Delegiertenkonferenz zu übertragen.[2][4] Nach Angaben des Pariser Temps wird in Londoner politischen Kreisen erwartet, dass die Führung der Bergarbeiter noch vor diesem Termin eine bedeutende Änderung ihrer bisherigen Haltung bekannt geben könnte.[5] An der Basis ist der Kampfgeist derweil ungebrochen. Berichte aus Südwales besagen, dass insbesondere die Frauen der Bergleute die Entschlossenheit ihrer Männer, den Kampf fortzusetzen, unterstützen.[1] Zugleich hat die Internationale des Amsterdamer Gewerkschaftsbundes einen neuen Aufruf erlassen, um finanzielle Hilfe für die seit über hundert Tagen streikenden britischen Arbeiter zu organisieren.[4]

Welche Konsequenzen dieser Arbeitskampf auch für den Kontinent hat, verdeutlichen die aktuellen Vorgänge im deutschen Ruhrbergbau. Der Reichsarbeitsminister hat den jüngsten Schiedsspruch für das Ruhrgebiet, der eine Lohnerhöhung von knapp vier Prozent vorsieht, für verbindlich erklärt.[6] In der deutschen Presse wird dies eng mit dem britischen Konflikt verknüpft. Dem Vorwärts zufolge betrachtet die deutschnationale Deutsche Tageszeitung den englischen Streik vorrangig aus nationalwirtschaftlicher Perspektive; das konservative Blatt wünsche eine Niederlage der englischen Bergarbeiter, damit die englische Kohle teuer bleibe und der deutsche Bergbau im internationalen Wettbewerb im Vorteil sei.[6] Die deutsche Arbeiterschaft sammelt trotz eigener schwerer Notlage und Kurzarbeit weiter für die englischen Streikenden, um eine Niederlage der britischen Zechenbesitzer zu verhindern, da ein solcher Ausgang auch das Lohnniveau im deutschen Bergbau bedrohen würde.[6]

Dass die britische Wirtschaft trotz der langen Kohlenblockade nach Wegen sucht, ihre Infrastruktur aufrechtzuerhalten, zeigt sich im Verkehrswesen. Ein umfassender Umstieg auf alternative Brennstoffe ist jedoch nicht in Sicht. Wie aus britischen Eisenbahnkreisen verlautet, werden die Gesellschaften die Nutzung von Öl in Lokomotiven nicht flächendeckend einführen, da der Preis für Petroleum derzeit zu hoch sei, um einen rentablen Ersatz für die heimische Kohle darzustellen.[4]