In den Wirren des chinesischen Bürgerkriegs vollzieht sich gegenwärtig eine folgenschwere Verschiebung der militärischen Machtverhältnisse, deren Epizentrum das strategisch vitale Dreistädtegebiet am mittleren Jangtsekiang bildet. Die aus dem Süden vorrückenden nationalistischen Kanton-Truppen haben den Ring um die Metropolen Wutschang, Hankau und Hanyang eng geschlossen. Die Nachrichtenlage präsentiert sich äußerst widersprüchlich. Dennoch verdichten sich die Anzeichen für einen massiven Zusammenbruch der nördlichen Verteidigungslinien. Entgegen den noch vor wenigen Tagen verbreiteten offiziellen Siegesberichten der Zentralregierung in Peking meldet das Berliner Tageblatt, dass die Einnahme der Provinzhauptstadt Wutschang durch die südlichen Verbände bereits am vergangenen Dienstag erfolgt sei.[1] Demnach sei die Front des kommandierenden Marschalls Wupeifu (Wu Peifu) vollständig zusammengebrochen; der Kriegsherr selbst habe die Flucht nach Norden ergriffen.[1]

Diese Darstellung findet in Berichten der englischsprachigen Auslandpresse starken Widerhall. Nach Angaben des Hong Kong Telegraph behaupten offizielle Stellen in Kanton mit Nachdruck, dass der Fall von Wutschang endgültig bestätigt sei.[2] Den revolutionären Formationen sei ein entscheidender Erfolg gelungen: Das vierte Armeekorps sei durch das sogenannte Pao-Tai-Tor in die Stadt eingedrungen, das siebte Korps zeitgleich durch das Man-Chang-Tor.[2] Noch in derselben Nacht habe die Revolutionsarmee die Kontrolle über die ausländischen Konzessionsgebiete in Hankau übernommen.[2] Die Nordarmee befinde sich auf dem Rückzug in Richtung Hwang Shih Kwong, wo schnelle Einheiten der Südchinesen versuchen, den geschlagenen Feind abzufangen.[2] Weiterhin gehen Telegramme in Kanton ein, wonach auch Hanyang — mitsamt dem wichtigen Arsenal und den angeschlossenen Eisenwerken — bereits von den Nationalisten besetzt sei.[2]

Aus Londoner Regierungskreisen verlautet jedoch eine zurückhaltendere Beurteilung der Lage. Wie die Deutsche Allgemeine Zeitung in einem Eigenbericht meldet, wird die Situation am Jangtse in britischen Amtsstuben als äußerst ernst eingestuft. Die Nachricht vom endgültigen Fall Hankaus gelte dort jedoch noch nicht als gesichert.[3] Man halte die Siegesmeldungen der der Kantoner Seite für verfrüht, rechne jedoch in Kürze damit, dass sie zur vollendeten Tatsache werden.[3] Der größere Teil der Truppen Wupeifus habe sich bereits auf das Nordufer des Flusses zurückgezogen, während ein Restkontingent noch auf dem Südufer bei Wutschang ausharre.[3] Die zivile Not wächst: Tausende Flüchtlinge aus Wutschang suchen Schutz in den ausländischen Niederlassungen in Hankau.[3] Wie der Hong Kong Telegraph weiter berichtet, strömen zahlreiche Zivilisten mit Habseligkeiten und Wertsachen in das Pachtgebiet, um den Kampfhandlungen zu entgehen.[2]

Trotz des drohenden militärischen Debakels bleibt das Schicksal Marschall Wupeifus Gegenstand heftiger Spekulationen. Die Deutsche Allgemeine Zeitung beruft sich auf Meldungen der Daily Mail, wonach sich die Nachricht einer schweren Verwundung Wupeifus durch einen Brustschuss bestätigt habe.[3] Er habe mit seiner Armee erhebliche Verluste erlitten und es sei zweifelhaft, ob er überhaupt noch den Vorstoß der Kanton-Truppen werde aufhalten können.[3] Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Führung der südlichen Einheiten: Nach englischen Quellen werden sie maßgeblich von dem russischen General Radel und weiteren sowjetischen Offizieren befehligt.[3]

Die englischsprachige China Mail veröffentlicht Berichte, die den kantonesischen Erfolgsmeldungen widersprechen. Aus japanischen Quellen leitet das Blatt ab, dass Wupeifu weder verwundet noch seine Armee demoralisiert sei.[4] Ein am 29. August abgesandtes Telegramm aus Hankau habe vielmehr berichtet, dass die Angriffe der Südchinesen an jenem Tag erfolgreich zurückgeschlagen worden seien.[4] Nachdem am Abend des 28. August ein feindlicher Spion gefasst worden war, soll das Hauptquartier der Nordarmee von einem geplanten Großangriff am 30. August erfahren haben.[4] In der Folge kam Wupeifu seinen Gegnern zuvor und leitete selbst eine Offensive ein, deren Ausgang allerdings noch offen ist.[4]

Während an der Front die militärische Entscheidung gesucht wird, zeigt sich im Hintergrund eine zunehmend undurchsichtige politische Konstellation. Das Hamburger Echo widmet sich in einer scharfen Analyse der Rolle der japanischen Berichterstattung und Diplomatie. Dem Blatt zufolge fällt auf, dass ein Großteil der Meldungen über die raschen Vorstöße der Südarmee und die Rückschläge Wupeifus aus japanischen Quellen stammt.[5] Japan sei sehr eilig bemüht, jede Niederlage Wupeifus umgehend weltweit zu melden.[5] Indessen verharrt Tschangtsolin (Zhang Zuolin), der eigentliche Verbündete Wupeifus im Norden, untätig in Peking und beobachtet das Schicksal seines Partners schweigend.[5] Ein Abkommen mit Tokio untersage es Tschangtsolin dem Vernehmen nach, seine militärischen Verbände südlich über die Eisenbahnlinie Peking—Tientsin hinaus zu entsenden.[5] Das Hamburger Blatt vermutet, dass Japan mit Unterstützung Tschangtsolins die Kontrolle über ganz China anzustreben versucht und den geschwächten Wupeifu daher bewusst fallen lässt.[5]

Ob die Kantoner Truppen den Jangtse tatsächlich vollständig überschreiten werden, hängt nach Einschätzung der China Mail auch davon ab, wie sich die chinesische Jangtse-Flottille verhält. Sie steht formal noch unter Wupeifus Kommando, könnte angesichts seines schwindenden Kriegsglücks jedoch Neutralität wahren.[4] Die fremden Mächte rüsten sich für alle Eventualitäten und ziehen bedeutende Seestreitkräfte zusammen. Die britische Admiralität hat den Kreuzer Despatsch von Schanghai stromaufwärts verlegt, um die britische Flussflottille vor Hankau, die bereits zehn Kanonenboote umfasst, zu verstärken.[3] Das japanische Kaiserreich hat ebenso rasch einen Zerstörer und zwei weitere Kanonenboote entsandt. Damit besteht die japanische Flottille vor Ort nun auch aus zehn Schiffen.[3]

Gleichzeitig verschärft sich die Lage im südlichen Kanton. Die europäische Konzessionsinsel Shameen befindet sich faktisch im Belagerungszustand, unter dem Druck eines erbarmungslosen Boykotts.[3] Zivilisten dürfen die Verbindungsbrücken zur Stadt nur passieren, wenn sie einen Ausweis der chinesischen Streikposten vorlegen — eine Forderung, die von den Europäern strikt abgelehnt wird.[3] Warenverkehr über die Brücken ist nur gegen einen erheblichen Sonderzoll möglich. Selbst der gewöhnliche Bootsverkehr zu den Hongkong-Dampfern gerät wiederholt unter Gewehrfeuer.[3]

An anderen Brennpunkten der ausländischen Präsenz deutet sich jedoch eine gewisse Entspannung an. Wie die Deutsche Allgemeine Zeitung berichtet, ist die Drohung der lokalen Hafenverwaltung, den Seehafen von Swatau für den internationalen Schiffsverkehr zu schließen, wieder fallengelassen worden.[3] Der Konflikt entspannte sich kurzfristig, nachdem chinesische Streikposten in der Stadt rund 70 Kisten mit englischen Zigaretten, die sie zuvor von einem ausländischen Dampfer beschlagnahmt hatten, unversehrt an die Eigentümer zurückgaben.[3]

In dem Bemühen, die westliche Meinung im Hinblick auf die Zuspitzung in Shameen zu beruhigen, ergreift die Kantoner Regierung diplomatische Gegenmaßnahmen in der Provinz. Dem Hong Kong Telegraph zufolge hat das Informationsbüro der Nationalisten ein Kommuniqué veröffentlicht, das die unverzügliche Wiedereröffnung des kürzlich durch Boykottposten geschlossenen Stout Memorial Hospitals der amerikanischen Baptisten-Mission in Wutschau (Wuchow) anordnet.[2] Ferner wurden strikte Befehle an alle nationalchinesischen Kommandeure in Hunan und anderen besetzten Gebieten ausgegeben, das Leben und Eigentum ausländischer Missionare unter allen Umständen zu schützen und Missionsgebäude umgehend freizugeben.[2] Auch für das geschlossene Kanton-Hospital sollen zügig Verhandlungen mit den zuständigen Gewerkschaften geführt werden, um die Krankenversorgung schnellstmöglich wiederaufzunehmen.[2] Ob diese Maßnahmen ausreichen, um ein umfassenderes Eingreifen der fremden Mächte zu verhindern, bleibt angesichts des anhaltenden Kanonendonners am Jangtse abzuwarten.