In der Nacht zum Mittwoch fand das Leben des früheren Gouverneurs von Angora, Abdul Kadir Bey, am Galgen ein unrühmliches Ende.[1][2] Wie der in Washington erscheinende Evening Star meldet, vollstreckten die türkischen Behörden in Konstantinopel damit das harte Todesurteil, das erst kürzlich vom Unabhängigkeitsgericht in Smyrna verhängt worden war.[1] Abdul Kadir Bey war in der vergangenen Woche an der Grenze gefasst worden, als er den Versuch unternahm, nach Bulgarien zu entkommen und sich so dem Zugriff der Justiz zu entziehen.[1] Die Anklage hatte dem Politiker zur Last gelegt, maßgeblich in eine Verschwörung verwickelt gewesen zu sein.[1] Das Ziel dieser Umsturzpläne sei es gewesen, den amtierenden Staatspräsidenten Mustafa Kemal Pascha (Mustafa Kemal Atatürk) zu ermorden und daraufhin eine neue Regierung zu installieren.[1] Dem Pariser Temps zufolge wurde das Urteil rasch in den späten Nachtstunden vollzogen.[2]

Den Verurteilten in diesem aufsehenerregenden Prozess wurde nach ausführlichen Berichten der Kölnischen Zeitung keine Gelegenheit mehr gegeben, ein formelles Gnadengesuch an die Nationalversammlung zu richten.[3] Die strengen Maßnahmen des Unabhängigkeitsgerichts werfen ein grelles Licht auf die Methoden, mit denen die derzeitige Führung ihre Macht festigt. Auch der eindringliche Appell anderer prominenter Angeklagter ist vor diesem Hintergrund zu sehen. So mahnte der ebenfalls angeklagte frühere Finanzminister Dschawid (Mehmed Cavid Bey) am Schluss seiner Verteidigungsrede die Richter der Republik: „Fassen Sie Ihr Urteil so, dass Ihnen in künftigen Zeiten das Gewissen nicht dadurch beschwert wird!“[3]

Über das innenpolitische Geschehen in Kleinasien hinaus hat der Prozess in deutschen Regierungskreisen erhebliche Befremdung ausgelöst. Die türkische Justiz nutzte den Anlass offenkundig, um das deutsch-türkische Bündnis während des Weltkrieges anzugreifen.[3] Der Generalstaatsanwalt Nedschib Ali (Necip Ali Küçüka) behauptete in seiner ausführlichen Anklagerede, der Bündnisvertrag sei von den damaligen Machthabern Enwer (Enver Pascha) und Talaat geheim und ohne genügende Sicherungen für die Türkei abgeschlossen worden.[3] Es habe sich um einen einseitigen Vertrag zugunsten Deutschlands gehandelt, und das damalige türkische Kabinett habe eher den Befehlen des deutschen Kaisers gehorcht als dem eigenen Volke gedient.[3] Viele Mitglieder des Kabinetts seien zudem gar nicht für den Krieg gewesen.[3]

Diese Darstellungen, die nach Einschätzung der Kölnischen Zeitung stark den veröffentlichten Denkwürdigkeiten Mustafa Kemals ähneln, werden als systematische Geschichtsklitterung bezeichnet.[3] Deutschland habe in jener Zeit niemals unzulässigen Druck auf seinen Bündnispartner ausgeübt.[3] Eine einheitliche militärische Führung sei oftmals am Starrsinn Enwers und dessen großturanischen Zielen gescheitert.[3] Dass der Generalstaatsanwalt es dennoch für opportun hielt, Sachverhalte in den Prozess einzuflechten, die mit dem eigentlichen Verfahrensgegenstand nichts zu tun haben, wird in der deutschen Presse als unfreundlicher Akt gewertet.[3] Beim Eintritt der Türkei in den großen Krieg befanden sich lediglich 61.000 türkische Pfund im dortigen Staatsschatz.[3] Es war das Deutsche Reich, das den Abwehrkampf der Türken überhaupt erst finanzierte und den notwendigen Kriegsbedarf lieferte.[3]